Tautolodingsbumsonasmus

Die Ausdrücke Tautologie und Pleonasmus werden oft synonym verwendet. Manchmal werden sie aber auch unterschiedlich definiert. Folgerichtig kann es unter Experten leicht zu Diskussionen kommen, ob eine bestimmte Formulierung nun eine Tautologie oder ein Pleonasmus sei. So oder so. In jedem Fall sind inhaltliche Wiederholungen gemeint. Beispielsweise ‚Geschäft ist Geschäft‘ oder ‚futsch ist futsch‘. Speziell Kombinationen von Adjektiv und Substantiv können dabei auch zu Diskussionen Anlass geben. Beispielsweise bei Ausdrücken wie ‚kleiner Zwerg‘ oder ‚weißer Schimmel‘. Ist das jetzt wirklich doppelt gemoppelt oder haben diese Formulierungen vielleicht doch ihre Berechtigung? Zudem gibt es auch Ausdrücke, die sich so weit eingebürgert haben, dass man die Verdoppelung gar nicht mehr als solche erkennt. Etwa das Fußpedal (bei dem der Fuß im Pedal ja eigentlich bereits enthalten wäre) oder das HIV-Virus. Ich möchte heute aber ein besonders schönes Wort unter die Lupe nehmen, das irgendwie ein solcher ‚Tautolodingsbumsonasmus‘ ist – und irgendwie auch nicht:

Mutterseelenallein

Die Frage, ob es sich beim Wort ‚mutterseelenallein‘ um eine Tautologie oder einen Pleonasmus handle, scheint auf den ersten Blick völlig überflüssig. Mutter – Seele – allein. Wo, bitte, sollte hier eine inhaltliche Wiederholung vorkommen? Nun, schauen wir uns dieses Wort doch einfach mal bei Tageslicht an. Es ist schon deshalb ein interessantes Wort, weil es in der Regel auf Anhieb verstanden wird. Dabei ist es doch überhaupt nicht nahe liegend, das Alleinsein mit Mutter und Seele in Verbindung zu bringen. Es gibt zwar eine Theorie, wonach mit Mutterseele ursprünglich Menschenseele oder eben ein Mensch gemeint sei. Und mutterseelenallein wäre sinngemäß so etwas wie ‚menschenallein‘ oder von allen Menschen verlassen. In diesem Sinn erschiene es aber sinnvoller, einen Ausdruck wie ‚mutterseelenverlassen‘ zu verwenden. Ähnlich wie es etwa eine ‚gottverlassene‘ Gegend geben kann. Eine schönere und vor allem plausiblere Theorie besagt aber, dass ‚mutterseelenallein‘ ein Gallizismus sei, also eine für das Französische charakteristische sprachliche Erscheinung in einer nicht französischen Sprache. Ich zitiere hier einen Artikel in Wikipedia, der aber sinngemäß auch von anderen Quellen bezeugt wird:

Das Französische „moi tout seul“ – „ich ganz allein“ – wurde von hugenottischen Glaubensflüchtlingen in Berlin benutzt, um ihre Heimatentwurzelung auszudrücken. Dieses „moi tout seul“ ergab in der phonetischen Eindeutschung zunächst „mutterseel“. Um den ursprünglichen Sinn des Wortes zu erhalten, erfolgte eine Erweiterung um allein.

Daraus ergibt sich die interessante Situation, dass zwar das ‚allein‘ in ‚mutterseel‘ eigentlich schon enthalten wäre – aber ’seel‘ ist nicht als ’seul‘ (allein) zu erkennen, weswegen die Ergänzung um ‚allein‘ keine Wiederholung ist, sondern vielmehr eine Notwendigkeit, damit das Wort überhaupt verstanden wird. In seiner endgültigen Form ist es also keine Tautologie und kein Pleonasmus. Und durch diese phonetische ‚Einbürgerung‘ (der wir ja bereits beim Beitrag ‚alle oder nichts‘ begegnet sind) ist daraus ein richtig schönes und durch und durch deutsches Wort geworden.


Klangbild:
Terje Rypdal • Fjelldåpen
play-rypdal-fjelldaapen
Terje Rypdal • Guitar

Iver Kleive • Organ
Palle Mikkelborg • Trumpet

Bergen Chamber Ensemble • Kjell Seim (Conductor)

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7 Gedanken zu “Tautolodingsbumsonasmus

  1. ninahagn sagt:

    Und was ist nun der Unterschied zwischen Tautologie und Pleonasmus? Nun hast du mich neugierig gemacht ^^

    Über so ein Tautolodingsbums bin ich kurz vor Weihnachten das erste Mal ganz offiziell gestolpert, nämlich als meiner sich fragte, was es denn mit diesem seltsamen Wort „Kohldampf“ auf sich habe. Die Antwort, auf die wir stießen (endlich kam einmal das ererbte Herkunftswörterbuch zu seinen Ehren) besagt, es handelt sich um eine Zusammensetzung der beiden rotwelschen Wörter „Kohler“ und „Dampf“ die beide „Hunger“ bedeuten. Eine Tautologie also 🙂 wieder was dazugelernt. Und „Hunger Hunger“ klingt irgendwie richtig niedlich ^^.

    Über das moi tut seule bin ich lustigerweise auch letztlich gestolpert, die Hintergrundgeschichte aber war mir neu. Merci dafür 🙂

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    1. Random Randomsen sagt:

      Eine eindeutige und verbindliche Unterscheidung der Begriffe gibt es nicht. Für den Hausgebrauch dürfte Tautologie genügen. Dieser Ausdruck scheint verbreiteter zu sein und dürfte also eher verstanden werden. Wer, wie du, unterscheiden will, dürfte am besten damit fahren, sich an der Wurzel zu orientieren. Sinngemäß bedeutet Tautologie so viel wie ‚dasselbe sagen‘ – es stellt also ganz nüchtern eine Wiederholung fest. Pleonasmus dagegen kann als ‚Überfluss‘ gedeutet werden. Das impliziert eine Wertung – es ist tendenziell eher zu viel des Guten. So gesehen wäre für mich das Fußpedal eindeutig ein Pleonasmus. Pedal allein sagt ja schon alles und der zusätzliche Fuß ist überflüssig. Man spricht ja auch nicht von einem Handmanual. Das schöne Wort Kohldampf würde ich dagegen als Tautologie einstufen. Denn diese Wiederholung, dass es eben ‚Hungerhunger’ bedeutet, sagt ja durchaus etwas über die Art des Hungers aus. Kohldampf ist ja wirklich ein Bärenhunger und nicht bloß ein leichtes Hungergefühl.

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      1. ninahagn sagt:

        Danke für die durchaus brauchbare und schlüssige Erläuterung zur Unterscheidung, als rein hobbymäßig linguistisch interessierte darf ich mir wohl erlauben, das 1:1 so umzusetzen:
        Pleonasmus: überflüssige Doppelbetonung aus zwei ähnlichen oder verwandten Wörtern
        Tautologie: Verstärkende Doppelbetonung aus zwei (zumindest in der Wortherkunft) gleichen Wörtern. Oder gilt auch hier das ähnlich/ verwandt?

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        1. Random Randomsen sagt:

          Im Prinzip würde ich auch bei der Tautologie das ähnlich/verwandt-Prinzip gelten lassen. Aber eben – das ist mein eigene Version, die allerdings für mein Sprachempfinden durchaus Sinn macht.
          Oder wie es mal jemand am Ende einer Wortmeldung in einer Versammlung so unvergleichlich ausdrückte: „Das ist meine Meinung, und ich meine, das sei die beste Meinung.“ 😀

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          1. ninahagn sagt:

            O.K., also plus Ähnlichkeit ^^ für meinen Hausgebrauch reicht die Definition, würd ich mal sagen.

            Das mit der Meinung ist nicht schlecht, ist ja schon dreifach, er muss sehr überzeugt von seiner Meinung gewesen sein (meine ich, ums nun noch mal extra zu verdreifachen und in den Annalen der Tautologien zu verewigen ^^)

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