Handspiel

Amtliche Dokumente klingen sprachlich oft so, dass es einer Sau graust. Und wovor selbst einer Sau graust, das schleckt auch keine Geiß mehr weg. Das ist dann eben so und nicht anders. Und wenn’s anders wär‘, wär’s dann ja auch wieder ’so‘ – nur eben anders. Dass etwas so und nicht anders ist, heißt aber noch lange nicht, dass man es nicht ändern kann (oder zumindest könnte). Letzten Endes gibt es ja kaum etwas, das sich nicht ändern ließe. Das Gegenteil wollen uns meist nur diejenigen weismachen, denen der Status Quo ganz gelegen kommt.

Die sprachliche Qualität amtlicher Dokumente ließe sich ganz bestimmt verändern – vielleicht sogar verbessern. Im Verlauf der Jahrtausende hat die Menschheit etliche Strategien entwickelt für den Umgang mit Dingen, die einem nicht passen. Ein Klassiker ist schimpfen und lamentieren. Dies wird sehr häufig praktiziert. Und würde sich dadurch etwas positiv verändern, wäre unsere Welt längst ein Über-Paradies.

Eine andere Methode ist schulmeisterliche Besserwisserei. Man nimmt sich einige der schrecklichsten Fälle vor, verbessert sie und präsentiert sie den Urhebern. Aber was erreicht man damit? Die Angesprochenen sind vielleicht schlicht und einfach beleidigt – und man verliert selbst Freunde die man nie hatte. Möglicherweise stellt sich in einem Gespräch heraus, dass die neue Formulierung zwar besser klingt, aber den juristischen Anforderungen nicht genügt (etwa, weil sie Schlupflöcher offen lässt). Oder der vorgeschlagene Text ist wirklich besser und wird so übernommen. Aber das Risiko ist hoch, dass ansonsten alles so bleibt wie bisher.

Pädagogisch geschickter dürfte es sein, die Urheber solcher Texte zu einer Verbesserung zu animieren, indem man Verständnis für ihre Situation aufbringt. Wenn man sinngemäß sagt ‚ich verstehe durchaus, dass das ganz und gar nicht einfach ist‘, signalisiert man ja, dass man eine Verbesserung der sprachlichen Formulierungen als beachtenswerte Leistung (an)erkennt. Und da ist die Motivation sofort viel grösser. Nun kann man dieses Verständnis heucheln – oder man kann es entwickeln, indem man sich in eine vergleichbare Situation versetzt.

Zu diesem Zweck habe ich absichtlich eine ganz einfache Ausgangslage gewählt: ein Kinderspiel. Es ist dieses Spiel, bei dem die Teilnehmer abwechselnd die Hände übereinander legen. Man muss es in der Praxis kaum erklären – es ist wirklich ein Kinderspiel. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob das überhaupt einen Namen hat.

Wie aber sieht es aus, wenn man dieses Spiel beschreiben muss? Denn das ist ja bei amtlichen Dokumenten oft ein Grundproblem. Etwas muss – beispielsweise in einer Verordnung – rein verbal ausgedrückt werden. Und dann muss alles politisch korrekt sein und man muss nach links und rechts allerhand Rücksichten nehmen…

Links und rechts ist dabei ein gutes Stichwort. Diese Ausdrücke sind ja inzwischen so sehr politisch besetzt, dass man sie im zivilen Leben kaum mehr zu benutzen wagt. Ich bevorzuge deswegen seit einiger Zeit die Ausdrücke ‚backbord‘ und ’steuerbord‘. Besonders für Autofahrer kann dies aber zu leichter Verwirrung führen – denn das Steuer befindet sich beim kontinentaleuropäischen Auto ja nicht steuerbord. Wenn es um die Hände geht, ist das auch eher eine suboptimale Lösung. ‚Die backbordene Hand‘ ist nicht wirklich eine gute Alternative für ‚die linke Hand‘.

Reden wir aber für die Beschreibung des Handspiels dennoch von der linken und rechten Hand und beginnen beispielsweise mit der linken Hand, wird von rechts garantiert ein entrüstetes „öha!“ erschallen. Und beginnen wir mit der rechten Hand, fühlen die Linken sich gelinkt. Außerdem ist das Spiel so einfach, dass selbst jemand mit zwei linken Händen mitspielen kann. Eine einfache und neutrale Lösung könnte es sein, schlichtweg von der einen und der anderen Hand zu sprechen. Und die gleiche Strategie könnte auch bei den beteiligten Personen funktionieren. Wir nennen sie einfach die Eine und die Andere – allerdings vorsichtshalber jeweils mit männlichem und weiblichem Artikel (gerechtigkeitshalber in abwechselnder Reihenfolge). Puh! Ganz schön anstrengend. Aber jetzt geht’s also zur Sache:

Teil I

Zunächst legt der oder die Eine seine bzw. ihre eine Hand auf den Tisch. Danach legt die oder der Andere ihre bzw. seine eine Hand auf die eine Hand des bzw. der Einen. Nun legt der oder die Eine seine bzw. ihre andere Hand auf die eine Hand der bzw. des Anderen. Nachher legt die oder der Andere ihre bzw. seine andere Hand auf die andere Hand des bzw. der Einen.

Teil II

Nun zieht der oder die Eine seine bzw. ihre eine Hand unter der einen Hand der bzw. des Anderen hervor und legt sie auf die andere Hand der bzw. des Anderen. Jetzt zieht die oder der Andere ihre bzw. seine eine Hand unter der anderen Hand des bzw. der Einen hervor und legt sie auf die eine Hand des bzw. der Einen. Danach zieht der oder die Eine seine bzw. ihre andere Hand unter der anderen Hand der bzw. des Anderen hervor und legt sie auf die eine Hand der bzw. des Anderen. Nun zieht die oder der Andere ihre bzw. seine andere Hand unter der einen Hand des bzw. der Einen hervor und legt sie auf die andere Hand des bzw. der Einen.

Anmerkung: Teil II kann beliebig wiederholt werden.

Ganz schön kompliziert. Und das bei so einem einfachen Spiel! Wie sieht das erst bei umfangreichen und komplexen Vorgängen aus? Bei Verordnungen, Verträgen, Gesetzestexten…? Tja, das kann ich euch verraten: Es klingt dann sprachlich oft so, dass es einer Sau graust. Auch wenn sich das bisweilen ändern ließe – in vielen Fällen werden wir mit umständlichen, sperrigen und steifbeinigen Formulierungen leben müssen. Allerdings sehen wir das ja jetzt mit anderen Augen. Und das ist doch auch schon was, gö?


Klangbild:
Sergej Prokofiev • Romeo and Juliet • Dance of the Knights

London Symphony Orchestra • Valery Gergiev

play-prokofiev-knights

 

 

 

 

 

10 Gedanken zu “Handspiel

  1. ninahagn sagt:

    Es ist schon wahr, dass die Formulierung eines amtlichen Dokumentes in der Form, dass es den juristischen wie den menschlichen Anforderungen entspricht, keine einfache Angelegenheit ist. Allerdings habe ich auch oft das Gefühl (und nicht nur ich, auch Menschen, die ich kenne, die in betreffenden Ämtern arbeiten) dass die umständliche und schwer zu entwirrende Formulierung in vielen Fällen ganz bewusst so gehalten wird. Nehmen wir als Beispiel Dokumente von Arbeitsämtern (hier sind Österreich und Deutschland fast beliebig austauschbar) tatsächliche Information (speziell zu den eigenen Rechten) ist spärlich gesäht und so verschachtelt ausgedrückt, dass oft nur der erfahrene Jurist weiterhelfen kann. Viele nicht legale Beschlüsse und Aktionen des Amtes bleiben ungestraft, weil die Verständnishürde von vorneherein Gegenmaßnahmen verhütet. Oder Versicherungsdokumente, da wirds zum Teil sogar noch obskurer. Ich glaube hier kann man durchaus davon sprechen, dass Sprache als Waffe eingesetzt wird.

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    1. ninahagn sagt:

      Da fällt mir noch was Schönes ein: AGBs, schon mal die von facebook oder Google konsequent durchgelesen? Das ist Lebenszeit, die man sich zurückwünscht ^^ wobei ich auch schon erlebt hab, dass bei manchen Anbietern die Entwicklung dahin geht, neben dem Juristendeutsch auch praktische Beispiele und Erläuterungen in Menschensprache anzubieten, find ich gut 🙂

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      1. Random Randomsen sagt:

        Gutes Beispiel. Diese AGB funktionieren ja nach dem ‚take it or leave it’ Prinzip. Du kannst nicht verhandeln. Entweder akzeptieren oder die ganze Chose bleiben lassen. Ich entscheide mich immer häufiger für Letzteres. Also habe ich keine Accounts bei Facebook, Twitter, Google… Ähnlich geht es mir bei den E-Books (aus verschiedenen Gründen mein bevorzugtes Buchformat). Ich habe noch kein einziges E-Book bei Amazon gekauft, weil ich die Kindle-Bedingungen schlichtweg unakzeptabel finde. Und auch um DRM-Bücher mache ich meist einen Bogen.
        Übrigens fällt mir ein Detail auf: Bei den AGB bestätigt man ja immer, diese gelesen und verstanden – nicht etwa begriffen! – zu haben. 🙂

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        1. ninahagn sagt:

          Ach, irgendwie beneid ich dich ^^ „leave it“ ist für mich als professionell im Design und v.a. Webdesign Tätige oft keine wirkliche Option.

          Ja, da hast du nicht unrecht ^^ am Ende bestätigt man eigentlich, dass man lesen kann und dies auch getan hat (wobei letzteres oft nicht der Fall ist und auch ich – Asche auf mein Haupt – überfliege so manche AGB nur, wenn sie dem Inhalt mir bereits bekannter AGBs sehr ähnlich ist) begreifen, ja, das ist eine andere Sache. Deswegen find ich ja die Angebote so toll, die den Text auch in Menschensprache neben dem juristischen Kauderwelsch anbieten (da kann nstürlich zugegebenermaßen auch viel Schindluder betrieben werden).

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          1. Random Randomsen sagt:

            Tja, gegenwärtig ist das schon irgendwie ein Privileg, dass ich oft die ‚leave it’ Option wählen kann. Und das genieße ich jetzt, so lange es währt. Ich habe in meinem Leben schon mehrere komplette Neustarts durchgezogen. Und der nächste kommt bestimmt. Das ist nicht die Frage ‚ob’, sondern ‚wann’. Und dann sieht die Situation vielleicht wieder ganz anders aus. Es macht ja auch keinen Sinn, aus unverdünnter Sturschädeligkeit auf Hilfsmittel zu verzichten, die man eigentlich schon bräuchte.
            Die gute Nachricht bezüglich AGB ist die, dass die nicht einfach rechtskräftig sind, nur weil man sie akzeptiert hat. Wenn da etwas drinstünde was jenseits von Gut und Böse ist, wäre das gar nicht rechtens. Es ist also nicht so, dass man da gleichsam riskiert, dem Teufel seine Seele zu verkaufen. 😉

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            1. ninahagn sagt:

              Das mit den Neustarts klingt spannend, so ein zwei davon hab ich in meinem Leben auch hinter mich gebracht.

              Ja, das ist allerdings wirklich gut so, das wär ein trauriger Zustand wenn alles, was man so in ein Dokument schreibt, plötzlich rechtskräftig wär ^^

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    2. Random Randomsen sagt:

      Von Fall zu Fall spielen sicher unterschiedliche Faktoren mit. Teilweise geht es wirklich lediglich darum, dass man sicherstellen will, dass der Sinn und Geist einer Vereinbarung oder Regelung selbst unter den unwahrscheinlichsten Voraussetzungen gewahrt bleibt. Oder bei Gesetzen ist es ja auch wichtig, Schlupflöcher zu vermeiden. Obwohl man manchmal auch den Eindruck bekommt, dass für eine bestimmte Klientel besonders weite Maschen eingebaut werden.
      Aber ganz bestimmt hat die Medaille auch eine Kehrseite. Generell sind die Bürger gegenüber Behörden in verschiedener Hinsicht am kürzeren Hebel. Und da denke ich schon, dass auch die Tintenfischstrategie zum Zug kommt: Der Blick auf die rechtlichen Möglichkeiten wird so weit vernebelt, dass nur noch Juristen weiterhelfen können (wohl wissend, dass dies für die meisten eine zu hohe Hürde darstellt).

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      1. ninahagn sagt:

        Ganz klar, ich geh ja auch nicht davon aus, dass Behörden-, Vertrags- und Gesetzestexte ausschließlich dafür aufgesetzt werden, um die Bürger bzw. Vertragspartner zu gängeln ^^. Und bis zu einem gewissen Grad ist ja auch eine Art Dominoeffekt am Werk – Ein Text wird geschrieben (nehmen wir der Einfachheit halber einen Gesetzestext) auf Basis tausender Gesetzestexte vor ihm, darauf achtend mögliche Missverständnisse und Schlupflöcher zu vermeiden, dann kommen Interessensgruppen und Paragraphen werden geändert, entfernt, zugefügt, dann ist das Gesetz eine Weile in Kraft und es stellt sich raus, dass eben doch Schlupflöcher zu finden sind (oder, um nun den Zynismus nicht zu kurz kommen zu lassen, dass mancherlei Masche für bestimmte Interessensgruppen doch gar zu eng ist 😉 ), es kommen Passagen hinzu, Wortlaute müssen geändert werden, neue Gesetze werden auf Basis dieses Gesetzes entworfen usw., dass das nach einer Weile chaotisch, unübersichtlich und nicht zuletzt schwer zu verstehen wird ist verständlich.

        Problematisch finde ich eher, dass kaum ein Schritt getan wird (zumindest nicht von Seiten der Ersteller) den Bürgern ein Mittel an die Hand zu geben, diese Texte (die sie ja direkt betreffen) verstehen zu können. Natürlich gibt es Beratungsstellen etc. aber das reicht (oft) nicht, erstens werden solche Stellen seltenst besonders „beworben“, man darf selbst recherchieren, wo man sich für dieses oder jenes Anliegen Unterstützung der juristischen Art holen kann (um dann oft am Ende zu erfahren – es war nun doch der falsche Fachbereich) und sind diese Stellen von staatlicher Seite eingerichtet sind sie oft leider stark unterbesetzt und nicht selten haperts auch bei der Kompetenz. Auch auf der BMI Seite (Bundesministerium für Inneres) sind zwar die Gesetze zum Download verfügbar, Erläuterungen in „Menschensprache“ sind aber oft entweder gar nicht vorhanden oder so kurz und allgemein gehalten, dass sie nicht wirklich was aussagen. Da hilft dann nur eines – sich mit Juristen anfreunden (bezahlen wird auf die Dauer etwas teuer) ^^. Das ist dann eben auch Teil der Tintenfischstrategie (schönes Wort, so bildhaft 🙂 ).

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        1. Random Randomsen sagt:

          Wow! Ja, ich denke, da hast du einige wesentliche Faktoren auf den Punkt gebracht. Was noch dazu kommt: Oft besteht ja ein Ermessensspielraum bei der Auslegung. Selbst Fachleute können da sehr unterschiedlicher Auffassung sein. Deshalb werden ja Gerichtsurteile auch nicht selten mit Erfolg an eine nächsthöhere Instanz weiter gezogen. Allerdings muss man sich dabei das Risiko leisten können, mit der ganzen Sache baden zu gehen. Auch wenn es bestimmt nicht so ist, dass die Behörden die Bürger nach Strich und Faden über den Tisch ziehen können und wollen. Die Geschichte von wegen ‚vor dem Gesetz sind alle gleich’ ist und bleibt ein Märchen. Das beginnt damit, dass es immer Leute geben wird, die sehr starken Einfluss auf die Gesetzgeber haben. Und außerdem hat jemand, der sich exzellenten juristischen Beistand leisten kann, bessere Chancen, sich im Paragraphendschungel zurechtzufinden und nötigenfalls sein Recht durchzusetzen. Und das schleckt auch keine Geiß weg… -_-

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