Ungemeint

Viele kennen die Situation: Aus einer angespannten Stimmung heraus entsteht plötzlich eine verbale Auseinandersetzung. Ein Wort ergibt das andere. Es entspinnt sich etwas, das ohne Übertreibung als handfester Krach bezeichnet werden kann. Die Äußerungen werden aggressiver und unter Umständen sehr verletzend. Irgendwann stellen die Streitparteien bestürzt fest: Wir sind zu weit gegangen. Sie haben das ja eigentlich gar nicht so gemeint (zumindest nicht alles) und es tut ihnen auch Leid (zumindest teilweise). Aber es ist nun mal geschehen… 

Unlängst hat auf der Seite von Nina Hagn bei der Diskussion über eine Zeichnung auch ein Wort das andere ergeben. Allerdings nicht im Streit. Und es sind (soweit mir bewusst ist) auch keine verletzenden Äußerungen gefallen. Allerdings ist dabei ein erklärungsbedürftiger Ausdruck im Raum stehen geblieben: Das durch die Interpretation zutage geförderte ‚Ungemeinte‘ in einem künstlerischen Werk. Damals habe ich versprochen, diesen Gedanken des ‚Ungemeinten‘ näher zu erläutern. Und genau das will ich hier versuchen. Zunächst möchte ich aber umreißen, welche Art von Interpretation ich dabei primär im Sinn hatte. Dadurch soll deutlich werden, aus welchem Schaum die Idee des ‚Ungemeinten‘ geboren wurde. 🙂

Gehen wir also zunächst von einer ganz einfachen Situation aus: Krethi hat ein Bild gemalt – Plethi betrachtet dieses Bild und versucht, ihm etwas abzugewinnen. Unterstellen wir zudem als selbstverständlich, dass beide ihr Bestes geben. Dabei dürften für Plethi zunächst folgende Fragen relevant sein:
1. Was sehe ich?
2. Welchen Eindruck macht das auf mich?
3. Was hat das zu bedeuten?
In einer ersten Runde werden diese Fragen möglicherweise blitzschnell und nahezu unbewusst beantwortet. Sobald sich Plethi mit der Frage nach der Bedeutung etwas intensiver befasst, können zusätzliche Antworten auf die Fragen 1 und 2 auftauchen. Vor dem Hintergrund der begonnenen Deutung erkennt Plethi neue Details, und der erste Eindruck wird differenzierter. Die neuen Erkenntnisse wiederum führen zu erweiterten Deutungsansätzen.
Wie man sieht, habe ich einige Elemente der wissenschaftlichen Interpretation ausgeklammert. Es geht hier eher um den persönlichen Dialog einer Zivilperson mit dem Werk.

Letztlich wird für Plethi eine Frage zentral sein: Was hat Krethi mit diesem Bild gemeint? Denn Plethi will ja nicht etwas hineininterpretieren. Oder zumindest nicht nur. Das Bild wäre dann lediglich eine Projektionsfläche für Plethis eigenen Kram. Gewiss lässt sich ein Bild auf diese Weise benutzen. Aber Plethi ist nicht an Selbstbespiegelung interessiert – Plethi will etwas herausinterpretieren. Natürlich wird dieses interpretierte Etwas persönlich gefärbt sein. Aber es wird sich nicht um ein blindwütig an den Haaren herbeigezogenes Etwas handeln. 

Was aber hat nun die Idee des durch die Interpretation erkannten ‚Ungemeinten‘ in einem Kunstwerk zu bedeuten? Damit ist gemeint, dass jemand in einem Werk Dinge erkennt, die dessen Urheber weder explizit noch implizit damit ausdrücken wollte. Natürlich geht es nicht darum, all die Dinge zu erkennen, die ganz bestimmt nicht gemeint sind. Sondern es geht um Dinge, die sich nicht nur auf den ersten sondern auch noch auf den zweiten Blick perfekt mit dem Bild vereinbaren lassen. Und dies, obwohl sie vom Urheber eigentlich ‚ungemeint‘ sind. Das ist ein Stück weit ziemlich gewagt – denn ist nicht immer ganz einfach, das ‚Ungemeinte‘ von dem zu unterscheiden, was man schlicht und einfach hineinfantasiert. Aber es lohnt sich – auch auf die Gefahr hin, manchmal ganz kolossal übers Ziel hinaus oder am Ziel vorbeizuschießen. Denn wenn der Versuch glückt, erhält das Bild dadurch eine zusätzliche Dimension. Und auch die Beziehung zwischen Künstler und Publikum wird aufgewertet. Das Bild ist nicht mehr ein Monolog, der dem andächtig staunenden Publikum um die schwindelnden Sinne gepfeffert wird. Es entsteht ein Dialog, eine Partnerschaft. 

Ein einfacher Fall des ‚Ungemeinten‘ sind Analogien. Im Werk wird etwas ausgedrückt – und das passt wie die Hand in den Handschuh auch für einen ganz anderen Bereich. Krethi kennt sich in diesem anderen Bereich überhaupt nicht aus und kann also diese spezifische Analogie unmöglich gemeint haben. Aber sobald jemand diese Analogie erkennt wird klar – das passt. Ähnlich wie der großartige Ausdruck ‚verstimmt‘ in der deutschen Sprache. Ob ein Musikinstrument, ein Mensch oder ein Magen – sie alle können unter Umständen verstimmt sein. Drei grundverschiedene Situationen – aber dennoch gibt es eine ganz auffällige Parallele, wodurch es in jedem dieser Fälle sehr treffend ist, von einer ‚Verstimmung‘ zu sprechen. Wer schon ein verstimmtes Instrument gehört hat, kann sich eine verstimmte Person sehr lebhaft vorstellen.

Der etwas komplexere Fall des ‚Ungemeinten‘ hat mit dem Wesen der Kreativität zu tun. Kreative Menschen haben sehr unterschiedliche Methoden des Schaffens. Beispielsweise gibt es Songwriter, die schreiben einen Text – danach komponieren sie eine zum Text passende Musik. Andere machen es genau umgekehrt. Und einige ändern ihre Herangehensweise von Fall zu Fall. Auch die Arbeitsweise ist recht verschieden. Einige haben eine Idee und verwirklichen diese möglichst systematisch. Andere haben einen Einfall und probieren damit ein wenig herum, bis etwas Brauchbares dabei herauskommt. Manchmal steckt vor allem Handwerk dahinter. Wenn eine Grafik auf einen bestimmten Termin hin abzuliefern ist. Wenn noch ein Song fehlt, damit ein Album endlich fertig wird. Aber unabhängig vom Anlass: Wenn mit innerem Engagement kreiert wird, geschehen auffallend oft zwei Dinge. Erstens tauchen ganz spontan und ungebeten Eingebungen, Gedankenblitze, Einfälle auf, die man sich nicht recht erklären kann. Aber irgendwie scheinen sie zu passen. Also verwendet man sie. Zweitens kann die Kreation eine Eigendynamik entwickeln. Jemand möchte vielleicht ein bitterböses Lied über den Ex schreiben. Eine ‚Ey du Arsch mit dir bin ich sowas von fertig‘ Abrechnung. Zwei Strophen und der Refrain sind bereits fertig. Knüppeldick. Fühlt sich gut an. Aber plötzlich merkst du – das war zwar ein prima Frustventil. Aber als Song ist das zu dünn – das ist zu plump, das musst du subtiler formulieren. Nach einigen Startschwierigkeiten läuft das ganz rund. Und am Ende stellst du fest – da ist ein echt philosophischer Text entstanden. So war’s eigentlich nicht geplant. Aber der Text ist richtig gut. Und auf die Abrechnung kannst du eh verzichten.

Woher aber kommen diese Eingebungen und diese Eigendynamik? Selbst wenn wir auf eher mystische Erklärungsversuche verzichten, gibt es mindestens zwei plausible Ursachen.
Dem sichtbaren Schaffensprozess geht ja oft eine jahrelange Beschäftigung mit dem Gegenstand voraus. Wenn es sich um eine Herzensangelegenheit handelt, ist es nicht nur eine ausgiebige sondern auch eine besonders intensive Auseinandersetzung. Das Reservoir an Aspekten, Perspektiven, Zusammenhängen, usw. ist dann wesentlich grösser als die dem Werk bewusst zugrunde gelegte Idee. Also ist es nicht abwegig, dass aus diesem Pool etwas ‚Ungemeintes‘ auf vielleicht ganz subtile Weise auch in das Werk gelangt.
Entscheidend ist auch, dass künstlerisch Schaffende oft mit einer überdurchschnittlichen Sensibilität ausgestattet sind. Im besten Fall haben sie sogar gelernt, mit diesem janusköpfigen Geschenk konstruktiv umzugehen. Somit können sie Dinge erspüren und künstlerisch umsetzen, die irgendwie in der Luft liegen. Dies kann absichtlich gemacht werden. Aber hin und wieder geschieht es einfach – und auf diese Weise können unerwartete Dinge ungemeint im Werk erscheinen.

Ich möchte diesen zweiten Fall des ‚Ungemeinten‘ anhand eines fiktiven Bildes mit einem ganz einfachen Strickmuster illustrieren. Nehmen wir an, Krethi hat ein Bild mit dem Titel ‚Bitch‘ gemalt. Das Bild zeigt (nicht gänzlich unerwartet) eine auf den ersten Blick nicht besonders sympathisch wirkende Frau. Und der erste Gedanke von Plethi ist denn auch: ‚Höhöö! Die schaut ja aus wie die Wildfriede Knuspergatsch, die blöde Kuh.‘ Genau das hat Krethi natürlich beabsichtigt. Die ‚Bitch‘ soll vordergründig erst einmal ‚bitchy‘ wirken. Nach und nach erkennt Plethi aber auch andere Aspekte. Unterm Strich überwiegen möglicherweise sogar die positiven Elemente. Die ‚bitchiness‘ sticht zwar am deutlichsten ins Auge. Aber sie ist bei näherer Betrachtung nur noch eine von zahlreichen sehr unterschiedlichen Facetten der Persönlichkeit. Plethi findet zwar die dargestellte Frau immer noch nicht unbedingt sympathisch, kann sie aber zumindest respektieren. Im Gespräch mit Krethi zeigt sich, dass genau das die simple aber deutliche Botschaft des Bildes sein sollte: Lasst euch nicht von einem ersten negativen Eindruck in die Irre führen – da gibt es noch sehr viel mehr, das erkannt und anerkannt werden will.  

Schließlich kommen die beiden auf ein Detail zu sprechen: Ein arg zerknautschtes Kuscheltier im Bildhintergrund. Plethi erkennt darin einen Hinweis auf mögliche Ursachen. Das Kuscheltier deutet auf die Kindheit – und der ramponierte Zustand auf Verletzungen. Vielleicht wurde die ‚Bitch‘ als Kind arg gemobbt und hat irgendwann zum Selbstschutz diese ‚bitchiness‘ entwickelt. Krethi hatte dies eigentlich anders gemeint. Das Kuscheltier sollte ausdrücken, dass die ‚Bitch‘ bei aller Kratzbürstigkeit irgendwo doch auch wie ein kleines Mädchen ist, das ganz einfach nur geknuddelt werden möchte. Allerdings wollte Krethi diesen Aspekt zunächst auf andere Weise darstellen. Aber nichts wollte wirklich passen. Und plötzlich war es sonnenklar: Es musste ein Kuscheltier sein – und zwar eins von der traurigen Gestalt. Warum? Keine Ahnung. Aber es passte. Und Krethi kann auch mit dieser Mobbing-Deutung sehr viel anfangen. Denn Krethi hat sich schon oft und sehr eingehend mit der Frage befasst: Wie sind Menschen zu dem geworden was sie heute sind? Nur wollte Krethi diese Frage beim Bild ‚Bitch‘ gar nicht bewusst thematisieren. Aber für Krethi sind zwei Dinge klar: Die Deutung von Plethi passt. Und dieser Aspekt ist nicht zufällig in das Bild geraten. Auch wenn Krethi das beim Malen des Bildes nicht so gemeint hat.

Im wirklichen Leben wird die Sache meist etwas komplexer sein (möglicherweise ein Markenzeichen des wirklichen Lebens – oder eine schlechte Gewohnheit?). Aber ich denke, dass durch dieses einfach gestrickte Beispiel das Prinzip (und darum geht es ja hier) einigermaßen erkennbar geworden sein dürfte.

Übrigens hat Plethi in dem Bild noch eine Analogie erkannt. Statt der Vielschichtigkeit einer menschlichen Persönlichkeit könnte das Bild auch die Vielschichtigkeit eines Kunstwerkes thematisieren. Was Krethi dazu sagt, weiß ich nicht. Aber es ist jedenfalls ein Thema, das Krethi nicht völlig fremd ist…


Klangbild • Paul McCartney • For No One

play-paulmccartney-fornoone

 

3 Gedanken zu “Ungemeint

  1. ninahagn sagt:

    Super beschrieben 🙂 und es stimmt ja auch, dass vieles an unterbewusstem in kreative Arbeiten einfließt, das einem dann oft erst durch die Augen anderer bewusst wird. Es ist also in meinen Augen ganz klar eine Bereicherung, sich mit dem Ungemeinten auseinanderzusetzen 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Danke. 🙂 Der Beitrag wurde etwas umfangreicher als geplant (ursprünglich als Kommentar gedacht). Denn es gibt da so viele Aspekte. Manches wirkt vielleicht selbstverständlich. Aber eben halt nicht für alle – und dann kann ich es schlecht ungesagt voraussetzen. Dann kam noch die Idee mit dem Streit in der Einleitung. Das ist ja auch eine Analogie – der kreative Prozess ist ja auch eine Auseinandersetzung (wenn auch nicht zwingend aggressiv) die manchmal irgendwie aus dem Ruder läuft.

      Die Beschäftigung mit dem Ungemeinten sehe ich übrigens auch nicht als Angriff auf die Resultate wissenschaftlicher Sisyphusarbeit, sondern als Ergänzung dazu.

      Das Klangbild hat natürlich, wie immer, auch einen Bezug zum Thema. Allerdings hier nicht direkt durch die Musik. Das Video zeigt einfach sehr schön, dass der Musiker hier viel mehr meint als er mit Gesang und Gitarre ausdrücken kann. Der ist randvoll mit Ideen. Und am Ende wird er wahrscheinlich nur einen Bruchteil dieser Ideensuppe bewusst weiter entwickeln und umsetzen. Und da ist die Chance groß, dass da auch noch ‚Ungemeintes’ am Kochlöffel hängen bleibt.

      Gefällt 2 Personen

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