Übersetzen

‚It’s impossible for us to translate in stormy weather‘ heisst es so schön in der FerryTales Sammlung. Komischerweise wirkt diese Aussage auf Englischsprachige irgendwie komisch. Warum eigentlich? Sie basiert auf einem ganz einfachen deutschen Satz: ‚Bei Sturm können wir nicht übersetzen.‘ Anscheinend soll der Knackpunkt darin liegen, dass hier ‚übersetzen‘ mit ‚translate‘ wiedergegeben wird. Aber so steht’s doch im Wörterbuch. Also hat das auch verstanden zu werden. Basta!

Es ist eine Spezialität der deutschen Sprache, dass man sowohl übersetzen, als auch übersetzen kann. Die Betonung wird dabei üblicherweise beim Schreiben nicht hervorgehoben – denn sie ergibt sich aus dem jeweiligen Kontext ganz selbstverständlich. Insofern ist es in der Regel auch kein Nachteil, dass das Wort zwei Bedeutungen hat. Anderseits kann diese Doppeldeutigkeit sogar ein Vorteil sein. Dann nämlich, wenn man sie als Anregung nimmt, die beiden Bedeutungen miteinander zu vergleichen. Denn es muss doch einen Grund geben, warum ein und dasselbe Wort für verschiedene Anwendungsbereiche taugt.

Und tatsächlich – zwischen den beiden Formen des Übersetzens gibt es Parallelen. In beiden Fällen wird eine Verbindung hergestellt zwischen Welten, die sonst keine Begegnungsmöglichkeit hätten. Wer allein auf einer abgeschiedenen Insel lebt, ist vom Rest der Welt abgeschnitten. Es ist ein Leben in Isolation (dieses Wort hat ja auch einen direkten Bezug zur Insel). In ähnlicher Weise ist jemand ohne Sprache isoliert. Wer wenigstens eine Sprache beherrscht, ist vergleichbar mit den Bewohnern einer besiedelten Insel. Kontakte sind möglich, aber beschränkt. Zum Glück verfügen die meisten Inselbewohner jedoch über mindestens zwei mögliche Verbindungen zum Festland. Entweder besitzen sie ein eigenes Boot (vergleichbar mit der Kenntnis einer Fremdsprache – man kann ‚auf eigene Faust‘ übersetzen). Oder sie benutzen eine Fähre (oder anders gesagt eben professionelle Übersetzer).

Wer ein übersetztes Buch liest, macht sich über den Vorgang der Übersetzung meist nicht allzu viele Gedanken. Das tut ja auch nicht nötig. Man konzentriert sich auf den Inhalt – und wenn man dabei nicht gleichsam auf Schritt und Tritt daran erinnert wird, dass es sich um einen übersetzten Text handelt, ist das ja ein gutes Zeichen. Bringt man das Thema Übersetzung aufs Tapet, denken viele ganz spontan, dass Fachbücher zu komplexen Themen die größte Knacknuss seien. Das trifft aber nicht unbedingt zu. Erstens basiert der Fachwortschatz in etlichen Bereichen auf Ausdrücken lateinischen oder griechischen Ursprungs. Das Wort ‚Helikopter‘ ins Englische zu übersetzen ist daher nicht wirklich ein Kunststück. Und auch ein eher vertracktes Wort wie Desoxyribonukleinsäure stellt keine besondere Herausforderung dar. Und zweitens wird Sprache bei Fachbüchern in erster Linie dazu verwendet, Informationen zu transportieren.

Anders sieht dies bei der Belletristik aus. Hier geht es nicht mehr nur um sachliche Inhalte. Auch die jeweils spezifische Ausdrucksweise der Autoren muss irgendwie rübergebracht werden – Ästhetik und Sprachwitz sind ja wesentliche Elemente belletristischer Produktionen. Gegebenenfalls ist das in einem bestimmten Milieu gängige Vokabular von besonderer Bedeutung. Dialektausdrücke können eine Rolle spielen. Ironie sollte nicht unterschlagen werden. Zweideutigkeiten dürfen nicht ‚vereindeutigt‘ werden. Und mit diesen Beispielen haben wir erst einen flüchtigen Blick auf die möglichen Stolpersteine geworfen.

Und dann gibt es noch die Sonderfälle. So wie es unter Umständen eben nicht möglich ist, von einem Ufer ans andere zu gelangen (Bei Sturm können wir nicht übersetzen), gibt es auch bei den sprachlichen Übersetzungen Situationen, bei denen man schlicht festsitzt. Und dies müssen durchaus keine grausam komplizierten Sachen sein. Ich habe mal zwei ganz einfache norwegische Beispiele herausgegriffen. Zunächst ein Gedicht:

Ikke være noe
bare være

bare elske
bare bære

ikke være noe
bare være

(Wera Sæther)

Hier als Hilfe eine deutsche Übersetzung der norwegischen Wörter. Es sind ja nur sechs. Die Sache dürfte also nicht besonders schwierig werden.
ikke = nicht
være = sein
noe = etwas
bare = nur
elske = lieben
bære = tragen, ertragen

Der Haken ist nur – es ist der Sache piepegal dass sie nicht schwierig werden sollte. Sie wird es trotzdem. Das fängt schon mit der ersten Zeile an. Was im Original in eleganter Schlichtheit und gut verständlich daherkommt, widersetzt sich der deutschen Sprache. Wort für Wort geht nicht. Nicht sein etwas hört sich bescheuert an. Das sind zwar deutsche Wörter – aber das ist nicht deutsche Sprache. Ein wenig deutscher klingt es, wenn man die Reihenfolge umstellt: Nicht etwas sein. Dumm nur, dass es immer noch bescheuert klingt. Trotzdem ist noch nicht alles verloren. Die Kombination ‚ikke noe‘ lässt sich unter Umständen auch als ’nichts‘ übersetzen. Damit hätten wir als erste Zeile: Nichts sein. In Zeile zwei folgt dann: Nur sein. Nichts sein – nur sein. Das klingt wirklich nicht so doll.

Noch schlimmer wird es aber mit der Zeile ‚bare bære‘. Egal ob man sich für ‚tragen‘ oder ‚ertragen‘ entscheidet. Die vollständige Bedeutung des Wortes ‚bære‘ lässt sich in einem deutschen Wort nicht wiedergeben. Und selbst wenn man sich für eine unschöne Variante wie ’nur tragen/ertragen‘ oder ’nur (er)tragen‘ entscheiden würde – die Implikationen des Wortes ‚bære‘ werden dennoch nur unvollständig und daher unbefriedigend zum Ausdruck gebracht. Wie man es dreht und wendet – der übersetzte Text ist kein Gedicht mehr, sondern eher ein schlechter Witz.

Da haben wir nun freilich eine Metamorphose der besonderen Art. Man nimmt ein Gedicht, übersetzt es und – flutsch! – wird ein Witz daraus. Dumm nur, dass das Gedicht nicht wirklich als Witz gedacht war.


Vielleicht kommt man weiter, wenn man als Gegenstand der Übersetzung direkt einen Witz auswählt. Da kann ja nicht viel passieren. Entweder hat man den Witz verständlich übersetzt – oder die Übersetzung ist ein Witz. Als Ergebnis hat man am Ende einen Witz. So oder so.

Ich versuche das gleich mal mit einem norwegischen Klassiker, wobei ich den bis auf den letzten Satz schon mal eingedeutscht wiedergebe.
Ein Junge brettert auf Skiern einen Hang hinunter, fliegt aus der Kurve und knallt gegen einen Baum. Als er sich benommen wieder aufrappelt, ruft er entrüstet: „Tre mot en er feigt!“ Wer den letzten Satz auch noch übersetzen will – und das ist immerhin die Pointe, und somit für den Witz nicht unwesentlich – hat allerdings ein fettes Problem. ‚Tre mot en er feigt“ heißt nämlich: Drei gegen einen ist feige. So einfach ist das. Leider passt das irgendwie nicht zum Rest der Geschichte. Es passt, wenn man es pedantisch genau nimmt, überhaupt nicht. Und vor allem ist es nicht lustig. Toller Witz, das. Bravo!

Diese Panne hat einen guten (und eigentlich ganz einfachen) Grund. Im Norwegischen hat das Wort ‚tre‘ zwei Bedeutungen: es bedeutet sowohl ‚drei‘ als auch ‚Baum‘. Gut für Wortspiele – schlecht für Übersetzungen. Nehmen wir nämlich die zweite Bedeutung und geben den Satz als: ‚Baum gegen einen ist feige‘ wieder, klingt das bescheuert. Und ist immer noch nicht lustig. Nehmen wir mal an, jemand hat diesen Witz im Rahmen eines Romans zu übersetzen. Es gibt zwei mögliche Varianten – und beide sind schlecht, weil man sich bei der Übersetzung ja entscheiden muss. Und der ganze Witz basiert ausschliesslich auf dieser Doppeldeutigkeit. Eine letzte Verzweiflungstat könnte es sein, eine Fussnote einzufügen. Dann hätte man im Text zwar eine sinnlose Formulierung, könnte dies dann aber langfädig erklären: ‚Was hier völlig bescheuert klingt, ist in Wirklichkeit furchtbar lustig, weil…bla bla…blæ…blæ…blubber…blubber…‘ Aber eine überzeugende Lösung ist das nicht. Der Witz ist und bleibt nur in der Originalsprache lustig.

Wie geht man aber bei der Übersetzung mit einem solchen Witz letztlich um? Wenn es nur um den Witz allein geht ist die Lösung einfach. Man lässt die Übersetzung bleiben. Wenn aber beispielsweise ein Protagonist in einem Roman diesen Witz erzählt, kann man das ja schlecht unterschlagen. Da gibt’s dann eigentlich nur eine praxistaugliche Lösung: Man erzählt einen anderen Witz. Einen, der in der ‚Zielsprache‘ lustig ist. Was für ein Witz das sein könnte, hängt vom Kontext ab. Je nachdem wäre das dann ein Skifahrerwitz (notfalls ohne Wortspiel) oder ein deutsches Wortspiel (notfalls ohne Bezug zum Skifahren). 


Dieser kleine Ausflug sollte einerseits daran erinnern, welche Herausforderungen mit einer gelungenen Übersetzung gemeistert werden. Er soll aber auch ein Hinweis darauf sein, dass einer Übersetzung Grenzen gesetzt sind. Selbst bei der großartigsten Übersetzung müssen gegenüber dem Original Abstriche gemacht werden. Vor diesem Hintergrund ist das Erlernen einer weiteren Sprache immer eine empfehlenswerte Option. Nicht nur, weil man sich damit wertvolles kulturelles Neuland erschließt – sondern auch weil man damit das Sprachverständnis und die Sprachkompetenz ganz generell erweitert. 


Klangbild • En elefant kom marcherende
Niels Henning Ørsted-Pedersen • Bass
Ole Kock Hansen • Klavier
Lennart Gruvstedt • Schlagzeug
Anna und Marie • Gesang

play-nhop-elefant

7 Gedanken zu “Übersetzen

  1. ninahagn sagt:

    So einfach ist das wirklich nicht mit dem Übersetzen, das macht sich oft beim zweisprachig bloggen bemerkbar („Funktioniert das auf Englisch überhaupt? Wie krieg ich das jetzt sinngemäß auf Deutsch rüber?“ Vor allem Witze und Wortspiele sind da, wie du so schön beschrieben hast, Stolpersteine).

    Aber auch, wer schon mal versucht hat, jemandem eine englische Serie schmackhaft zu machen, wird bemerkt haben, dass ein Englisch-Muffel wohl auf Dauer nichts damit wird anfangen können, wenn selbige vor allem auf Wortspielen und Anspielungen basiert.

    Oder Terry Pratchett Bücher auf Deutsch lesen. Eine rechte Quälerei, wenn man die Bücher in Originalsprache kennt und eben nur dieses eine nur auf Deutsch hat (so geschehen als ich begann, die komplette Discworld Serie nochmal zu lesen, Teil 1 hatten wir eben nur auf Deutsch, ist jetzt aber behoben ^^). Es geht so viel verloren, dass es nur noch halb so viel Spaß macht.

    Übersetzen ist sicherlich kein einfacher Job, der für gute Ergebnisse sicher sehr viel Erfahrung, Sprachverständnis und Einfühlungsvermögen erfordert. Ein sehr schöner Beitrag zu einem kaum beachteten Thema (zumindest außerhalb der Übersetzer Szene ^^).

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für dieses tolle Feedback und die ergänzenden Gedanken. Es ist in der Tat ein wenig beachtetes Thema. Dabei sind Übersetzungen ein ganz wichtiger Faktor in der Literatur. Internationale Bestseller aus nordischen Ländern beispielsweise werden von vergleichsweise wenigen Menschen im Original gelesen. Die Leserschaft vervielfacht sich durch Übersetzungen – das ist ein großes Geschenk, birgt aber auch Risiken.
      Was dein Kommentar auch schön zum Ausdruck bringt: Es geht nichts über das Original. Und außerdem: Ganz viele spannende und schöne Titel gibt’s nur im Original. Es lohnt sich also wirklich, seine Sprachkenntnisse kontinuierlich zu erweitern.

      Gefällt 2 Personen

      1. ninahagn sagt:

        Nicht nur in der Literatur, auch in ganz ‚praktischen“ Belangen wie Verträgen etc. können Übersetzungsfehler ja fatal sein :-).

        Zum Erweitern der Sprachkenntnisse – kennst du Duolingo? Da kann man gratis gar nicht so wenige Sprachen lernen, ein tolles Projekt, wie ich finde (ich selber verwends zum Französisch lernen, fürs Erste 😉 ), weil es auch Menschen mit kleinem Geldbeutel Zugang zu Sprachunterricht bietet. Und ich find das auch deshalb so toll, weil ich eben unter anderem gerne Literatur in der Originalsprache lese („le petit prince“ und „les miserables“ stehen schon im Regal bereit).

        Zu den nordischen Sprachen werd ich mich aber vermutlich erst langsam vorarbeiten (als nächstes steht Russisch auf dem Plan, danach – wer weiß ^^)

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      2. Random Randomsen sagt:

        Das stimmt. Bei Verträgen (und ähnlichem Schweinekram) muss man höllisch aufpassen. Auf der anderen Seite kommen dabei häufig juristisch wasserdichte Standardformulierungen vor, die sich oft wiederholen.

        Danke für den Duolingo Tipp. Das war mir unbekannt. Ich habe auch schon einen Test durchgespielt. Die Sache ist wirklich gut gemacht. Und es gibt auch eine ganz hübsche Auswahl an Sprachen. Niederländisch würde mich reizen (weil damit bestimmt auch neue Facetten der anderen germanischen Sprachen zu entdecken sind).

        Beim Erlernen von Sprachen (ein gewisses Grundniveau vorausgesetzt) können übrigens Hörbücher eine große Hilfe sein. Bei librivox.org gibt es kostenlose Hörbücher in zahlreichen Sprachen. Es sind hauptsächlich Klassiker im Angebot (Urheberrecht). Die dort angebotenen Texte werden nicht durch professionelle Sprecher gelesen – dadurch hat die Aussprache oft eine lokale Färbung, und man gewöhnt sich dadurch an die im Sprachraum vorkommenden Unterschiede in der Aussprache. Wenn man nur mit der ‚Hochglanz-Aussprache’ von Sprachkursen zu tun hat, erlebt man ja im Kontakt mit ‚Eingeborenen’ oft Überraschungen.

        Russisch dürfte eine echte Herausforderung sein. Allerdings erschließt es jede Menge spannender Literatur – und es ist erst noch ein Tor zu anderen slawischen Sprachen.

        Liken

  2. Ulrike Sokul sagt:

    Da kann ich noch eine kleine Zugabe zum Thema anbieten:

    Im Roman „FLUCHTSTÜCKE“ von Anne Michaels wird ein Herr Bialek mit folgenden Worten zitiert:
    „Ein Gedicht in einer Übersetzung zu lesen, ist, als küßte man eine Frau durch einen Schleier.“ (Seite 137)
    „Der Dichter bewegt sich vom Leben in die Sprache, der Übersetzer bewegt sich von der Sprache ins Leben; beide versuchen, wie der Einwanderer, das Unsichtbare zu erkennen, das, was zwischen den Zeilen steht, die geheimen Zusammenhänge.“

    Auf Wiederlesen!

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Vielen Dank für diese vielsagende und treffende Zugabe. Selbst wenn die Qualität stimmt (was leider nicht immer der Fall ist), muss man mit Verlusten rechnen. Bewusste Mehrdeutigkeiten werden , weil die Zielsprache es nicht anders zulässt, in Eindeutigkeiten verwandelt. Oder der ganz spezifische Tonfall geht verloren. Ausgewählte Lieblingsbücher lese ich dennoch gerne zusätzlich hin und wieder in Übersetzungen. Manche Dinge sieht man durch die Formulierung der Übersetzung in einem neuen Licht. Man bekommt eine Art Zweitmeinung, sozusagen.

      Gefällt 2 Personen

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