bera(n)

Deutschsprachigen Leserinnen und Lesern wird der Titel auf den ersten Blick wahrscheinlich nicht viel sagen. Die Nachfahren des Wortes ‚bera(n)‘ sind allerdings in den heutigen germanischen Sprachen in vielfältiger Weise zu finden. Interessant ist dabei nicht nur die Vielfalt an Ausdrücken, sondern auch die Art und Weise wie sich der gemeinsame Stamm ganz unterschiedlich entwickelt hat.

In seiner ursprünglichen Form bedeutet das Wort im Titel schlicht und einfach ‚tragen‘ – und zwar in folgenden Varianten:
beran – Althochdeutsch und Altenglisch
bera – Altnordisch

Im Englischen und in den nordischen Sprachen geht das heute verwendete Wort für ‚tragen‘ noch direkt auf bera(n) zurück. Hier eine Übersicht der in den Schriftsprachen verwendeten Ausdrücke:
Englisch – to bear
Dänisch – bære
Isländisch – bera
Norwegisch – bære (bokmål) / bere (nynorsk)
Schwedisch – bära

Einmal mehr zeichnet sich das Isländische dadurch aus, dass es die ursprüngliche (altnordische) Form unverändert beibehalten hat. Allerdings sind auch die anderen Formen nicht sehr weit vom Ursprung entfernt. In jeder sprachlichen Variante ist die Wurzel noch deutlich erkennbar.

Im Deutschen kommt das Wort in dieser ursprünglichen Form nicht (mehr) vor. Immerhin gibt es aber einige darauf zurückgehende Wörter. Recht nahe am Ursprung liegt beispielsweise die Bahre. Das Wort klingt nicht nur einigermaßen ähnlich wie ‚beran‘ – der Bezug zur Bedeutung ‚tragen‘ ist ebenfalls leicht zu erkennen. Auch beim Wort Gebaren ist die Verwandtschaft zu ‚beran‘ offensichtlich – kein Wunder, dass Betragen ein Synonym für Gebaren ist. 

Ein ganz besonderes Pärchen sind der Eimer und der Zuber. Im Althochdeutschen hießen sie noch ‚eimbar‘ und ‚zubar‘. Die Silbe ‚bar‘ geht dabei auf ‚beran‘ (tragen) zurück. Denn diese Gefäße sind mit Henkeln zum Tragen ausgestattet (man könnte die Henkel auch Träger nennen). Die Vorsilbe drückt jeweils eine Zahl aus – nämlich die Eins beim ‚eimbar‘ und die Zwei beim ‚zubar‘. Somit sind der Eimer und der Zuber also sinngemäß der ‚EinTräger‘ und der ‚ZweiTräger‘. 

Ebenfalls nahe an der Wurzel ‚beran‘ liegt das interessante deutsche Wort gebären. Wird ein Kind geboren, ist die Zeit des Tragens vorbei – es ist ausgetragen. Auf diesen Stamm geht auch das Substantiv Geburt zurück. Für eine kurze Zeit nach der Geburt wird ein Kind noch als Neugeborenes bezeichnet. Danach verschwindet in der deutschen Sprache der Bezug zum Stammwort ‚beran‘ aus dem Leben des Kindes.

Dies war nicht immer so. Bereits im Althochdeutschen und auch noch im Mittelhochdeutschen wurde ein Kind ‚barn‘ genannt. Es war also dem Namen nach ‚das Geborene‘ oder – durch den Bezug zu ‚beran‘ – sinngemäß eben auch ‚das Getragene‘. Vor diesem Hintergrund ist ‚barn‘ ein sehr schönes und sinnreiches Wort. Denn es erinnert an zwei wichtige Aspekte.

Die Zeugung eines Kindes ist eine eher einfache und kurze Angelegenheit. Und fast noch einfacher ist es, ein Leben auszulöschen – unwiderruflich und für immer. Das Wort ‚barn‘ erinnert uns an die Zeit zwischen Zeugung und Geburt – die Zeit, in der das Kind getragen und ausgetragen wird, und die durchaus kein Kinderspiel ist. Das Wort ‚barn‘ ist im besten Sinne ein Denk-Mal, das von uns – nicht aufdringlich, aber nachdrücklich – Respekt vor dem Leben fordert. Respekt vor dem eigenen Leben – und vor dem der anderen. 

Und noch an etwas anderes erinnert der Bezug von ‚barn‘ zu ‚beran‘. Denn Kinder sind nicht nur die Getragenen – sie sind auch ihrerseits Träger des Lebens. Ohne sie wäre die Existenz der Menschheit eine Sackgasse. Wenn hin und wieder von Generationenkonflikten die Rede ist, sollten wir diese zwar nicht unter den Teppich kehren. Dennoch könnte uns das schöne Wort ‚barn‘ daran erinnern, dass die Generationen einander bedingen und brauchen. Die jüngeren Generationen sollten nicht vergessen, wem sie das Geschenk des Lebens verdanken – aber die älteren Generationen sollten auch respektieren, dass die Jungen das Leben weiterführen und dabei genau so ihr Bestes geben (mit allen dazu gehörenden Irrtümern und Fehlern), wie es unzählige Geschlechter vor ihnen getan haben.

Auch wenn das Wort ‚barn‘ aus der deutschen Sprache leider verschwunden ist – ausgestorben ist es nicht. Andere germanische Sprachen haben es in ähnlicher oder gar unveränderter Form bewahrt. Im englischen Sprachraum (insbesondere Schottland) gibt es den Ausdruck ‚bairn‘ für ein Kind. Und in den nordischen Sprachen germanischen Ursprungs (Dänisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch) heißt ein Kind noch heute ‚barn‘. Das Wort wurde aus dem Altnordischen unverändert übernommen. Es ist sogar (zumindest im Singular) in allen vier Sprachen identisch. Und das ist fast schon ein Wunder – wenn auch nur ein kleines, das in keiner Weise mit dem Wunder des Lebens vergleichbar ist.


Klangbild • Hemma (aus dem Musical ‚Kristina från Duvemåla‘)
Text: Björn Ulvaeus
Musik: Benny Andersson
Gesang: Helen Sjöholm + 10 barn

play-kristina-hemma
Dieses schöntraurige Lied soll daran erinnern, dass alle Kinder ein Zuhause brauchen.

5 Gedanken zu “bera(n)

  1. Mein Name sei MAMA sagt:

    Mit der Geburt hat es sich dann ausgetragen, genau. Danach wird (wohl jahrelang) geschleppt – am Arm, in der Bauch- oder Rückentrage, auf den Schultern. Kinder lassen sich einfach gerne tragen, und diesen Luxus gibt es ja auch nur in den ersten Lebensjahren. Da müssen es die Rücken der Eltern (mit liebem Gruß von den Bandscheiben) halt irgendwie ertragen 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Der springende Punkt ist… (nach der Geburt natürlich noch nicht das Kind) … dass das Tragen bis zur Geburt ausschließlich der Mutter obliegt. Beim nachgeburtlichen Schleppen könnte das – zumindest in der Theorie – anders sein. Kommt halt auch auf die familieninterne Schlepperorganisation (oder wie man das nennen will) an. 😉

      Gefällt 1 Person

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