Reinhard Mey • Kleines Mädchen

Das kleine Mädchen auf meinem Schoß
Plaudert und lacht und erzählt atemlos,
Singt und hält inne und spielt mit mir
Mit einem Finger auf dem Klavier.
Und Gedanken und Bilder, Erinnerungen zieh‘n
Durch meinen Sinn mit den holprigen Melodien.
Mir doch grad erst geschenkt, gestern kaum erst ein Jahr
Und heut Spangen und Schleifen und Bänder im Haar.
Kleines Mädchen auf meinem Schoß
Schmieg dich an, wieg dich, ich lass‘ dich nicht los.

Die Hand, die da über die Tasten spaziert,
Erlaubt mir heut noch, dass die meine sie führt.
Heute noch ist der Platz auf meinen Knien
Ein guter Hort, vor allem Kummer zu flieh‘n.
Heute seh‘ ich dich noch fragend zu mir aufschau‘n,
Doch voll Ungeduld schon und voller Selbstvertrau‘n
Beginnst du dich Schritt für Schritt zu befrei‘n,
Und den nächsten, den gehst du dann schon ganz allein.
Bald, kleines Mädchen auf meinem Schoß,
Bald, kleines Mädchen, so bald bist du groß.

Die Jahre vergeh‘n, unsre Zeit fliegt dahin.
Wir dreh‘n uns im Kreise, und das ist der Sinn:
Alles muss enden und Neues beginnt.
Du bist der Morgen und frei wie der Wind.
Kinder sind uns ja nur für kurze Zeit gelieh‘n,
Und sie sind ja gekommen, um weiterzuzieh‘n.
Doch sie gehen zu lassen, ist die schwerste Lektion.
Geduld, kleines Mädchen, ich lern‘ sie ja schon.
Kleines Mädchen auf meinem Schoß
Spring in den Reigen, ich lasse dich los.

© 1989 Reinhard Mey

play-mey-mädchen

(Reinhard Mey mit Manfred Leuchter, Klavier)


Als Zugabe ein Lied, das für meinen Begriff eine perfekte Ergänzung zum ‚kleinen Mädchen‘ darstellt. Zunächst enthält es natürlich eine wichtige Botschaft an die junge Generation, die man in den Reigen springen lässt. Aber es ist auch eine Erinnerung an die erwachsenen Generationen – unsere Spuren prägen die Welt, die wir den kommenden Geschlechtern als Erbe hinterlassen werden. 

play-mey-wachsam

 


Für meine erste deutschsprachige Sternstunde habe ich das kleine Mädchen von Reinhard Mey gewählt. Es ist ein wunderschöner und poetischer Text, der mit feinem Strich ein liebevolles Bild zeichnet. Es ist das perfekte Familienidyll. Ein in leichtem Erzählton vorgetragenes Stück heile Welt. Und das meine ich nicht ironisch. Was uns Reinhard Mey hier zeigt, ist eine heile Welt. Sie ist genau deshalb heil, weil er den Schatten nicht ausblendet. Nur was ganz ist, kann heil sein. Und hier wird keine ‚Friede-Freude-Eierkuchen-in-Ewigkeit-amen‘ Stimmung heraufbeschworen. Sondern auch von der schwersten Lektion ist die Rede. Meisterhaft geht der  Bogen vom beschützenden „ich lass‘ dich nicht los“ der ersten Strophe zum „ich lasse dich los“ der letzten Strophe.
Die sensible Begleitung von Manfred Leuchter erhält durch den leicht verstimmten Blüthner Flügel einen Charme, der gut zum familiären Ton dieses Liedes passt.


Titelbild • © Fridgeir Walderhaug

12 Gedanken zu “Reinhard Mey • Kleines Mädchen

    1. Random Randomsen sagt:

      Gerne. 🙂 Es ist ja nicht immer so, dass der Prophet nichts gilt im eigenen Land. Aber manchmal läuft es halt einfach so: Man kennt ihn, man schätzt ihn sogar, aber man gewöhnt sich an ihn, bis er (ohne dass man genau erklären könnte wann, wie und warum) mit der Zeit in einen halbschattigen Bereich des Bewusstseins gerät.
      Es gibt eine schöne Sammlung der Liedtexte (Stand 2013) von Reinhard Mey (zu einem echten Freundschaftspreis, übrigens): http://www.editionreinhardmey.de/index.php?id=25
      Es ist nicht nur eine umfangreiche Sammlung – sie ist auch ein Zeugnis einer beachtlichen poetischen Flügelspannweite.

      Gefällt 1 Person

      1. Ulrike Sokul sagt:

        Das hast Du schön ausgedrückt, wie beliebte Künstler nach und nach in einen halbschattigen Bereich des Bewußtseins geraten.
        Zum Glück kann man sie jedoch wieder ins LICHT befördern!
        Danke für den Hinweis zum Reinhard Mey Liederbuch, das merke ich mir jetzt vor, wenn mich demnächst jemand nach meinen Geburtstagswünschen fragt …
        Und Deine Formulierung „poetische Flügelspannweite“ könnte glatt von mir sein, ich neige nämlich auch zu luftigem Vokabular.
        Harmonische Grüße von
        Ulrike 🙂

        Gefällt 2 Personen

        1. Random Randomsen sagt:

          Genau aus dieser Idee, etwas (wieder) ins Licht zu rücken, ist die Sternstunden-Rubrik überhaupt entstanden. Allerdings hat sich der ursprüngliche Gedanke rasch in verschiedene Dimensionen weiter entwickelt. Ich denke, dies werde ich demnächst auf dieser Seite näher erläutern.
          Dein luftiges Vokabular ist mir auch schon angenehm aufgefallen. 🙂 Meine eigene Sprache ist ziemlich wechselhaft – verbales Aprilwetter. Aber die ‚poetische Flügelspannweite‘ passte in diesem Zusammenhang einfach perfekt.
          ‚Alle Lieder‘ als Geburtstagsgeschenk – eine schöne Idee. Bei jedem Text ist das Erscheinungsjahr angegeben. Also ist hier eine Zeitspanne von nahezu 50 Jahren abgedeckt. Auch wenn man nicht an notorischer Vergangenheitsschwelgerei leidet – beim Lesen dieser Liedertexte kann die Frage ‚Was habe ich eigentlich in jenem Jahr gemacht?‘ durchaus interessant sein.

          Gefällt 2 Personen

  1. kinder unlimited sagt:

    Reinhard Mey ist eigentlich nicht so mein Ding, ich mag seine exaltierte Art zu singen nicht so gern. Wenn er auf französisch singt, klingt er sehr viel angenehmer, meiner Meinung nach. Aber Dein ausgesuchter Song „Sei wachsam“ versöhnt mich wieder, da wirkt er sehr natürlich 😉 Ich bin auch mit ihm aufgewachsen, aber immer eher verwundert gewesen, was man an ihm fand. Die Texte waren aber schon oft beeindruckend…

    Gefällt 1 Person

    1. Random Randomsen sagt:

      Huch! Diesen Kommentar musste ich doch tatsächlich aus dem Spam fischen. Keine Ahnung, warum.
      Ich kann deinen Einwand zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Aber die Bandbreite ist übers Ganze gesehen so groß, dass man eben durchaus was Passendes finden kann. Das Textbuch kann ich aber auf jeden Fall sehr empfehlen.
      „Sei wachsam“ fand ich besonders „sternstundenreif“, weil’s eben in jeder Hinsicht gut gemacht ist – Text, Gesang und auch die „Akkordarbeit“. 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. kinder unlimited sagt:

        das ist wahr. Ich bin wohl nicht si Einzige, die im Augenblick im Spamordner landet. Der Spuk ist vorbei, wenn man mich herausholt, leider ist das sehr mühsam, im Augenblick sind meine Kommentare fast alle verschwunden. Ich selbst habe vorher selten in den Spam Folder geschaut.

        Mir gefiel früher schon „Zeugnistag“ extrem gut ! Ich werde es nochmal in einem Beitrag vorstellen, es war meiner Meinung nach seiner Zeit weit voraus!
        „Sei wachsam“ fand auch ich sternstundenreif!

        Gefällt 1 Person

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