Ausgestiegen

Die Natur steigt aus. So empfinde ich es, wenn ich im Herbst über feuchtes Laub spaziere, vorbei an Bäumen, die ihre kahlen Äste in den fahlen Himmel recken. Hin und wieder tauchen Nebelschwaden auf. Die ’städtischen‘ sind schwer von Abgasen aus Industrie und Verkehr. Vom Land her riechen sie nach Holzfeuern, Viehwirtschaft und vereinzelten privaten Schnapsbrennereien. Ja, die Natur zieht sich zurück – aber es ist kein Rückzug nach verlorener Schlacht, sondern ein Schritt vorwärts, der die nächste blühende und fruchtbare Periode einleitet. Seit kurzem finde ich mich hierin mit der Natur in völligem Einklang. Denn auch ich bin ausgestiegen – und man hat mir dabei die Türe weit offengehalten. Dies war genauso ein Schritt vorwärts, auf dass der Profit eines internationalen Konzerns noch üppiger blühe und wachse. Für mich als Frührentner ist es ebenso ein Schritt in ein neues Leben. Ich genieße es, Zeit und Muße für meine Beobachtungen und Gedanken zu haben. Und, wer weiß, vielleicht schreibe ich die Blüten meiner beschaulichen Stunden eines Tages auf und lasse sie gewissermaßen zu Früchten reifen.

So in Gedanken streifte ich gemächlich über feuchte Wiesen und Stoppelfelder. Da jagte meine jugendlich übermütige Labradorhündin mit einem hohen, spitzen Laut aufgeregt in Richtung Hauptstraße. „A, geh“, rief ich ihr nach, „fangst ja eh nix.“ Denn so sehr sie sich auch ergötzt an der Jagd auf alles, was da kreucht und fleucht – Beute zu machen ist ihre Berufung nicht. Diesmal hatte sie aber scheinbar doch einen fetten Brocken gestellt. Neugierig schnuppernd umtanzte sie einen Personenwagen, der in leichter Schieflage am Straßenbord stand. Ein Unfall? Leicht möglich, bei diesen Straßenverhältnissen. Doch der Wagen stand unbeschädigt aber verlassen da.

„Ausgestiegen“, murmelte ich und stellte mir sogleich eine hübsche Geschichte vor. Ein junges Brautpaar, das zum Standesamt in der Kreisstadt unterwegs war, hatte ein Damaskus-Erlebnis und stellte sich fünf entscheidende Fragen: Wer sind wir eigentlich? Was tun wir in diesem Auto auf dieser Straße? Wo führt uns das hin? Wann werden wir endlich tun, was uns wirklich wichtig ist? Wie wäre es, wenn wir gleich damit begännen?

Sie ließen den Wagen kurzerhand am Straßenrand stehen und stiegen über die Böschung zum Fluss hinunter. Eine Weile schlenderten sie schweigend Hand in Hand dem Flussufer entlang, stellten sich das verdrießliche Gesicht des um seine genormte Amtshandlung geprellten Standesbeamten vor und wussten: ihr Leben sollte nie durch Gewohnheiten und Konventionen beherrscht werden. Sie malten sich aus, wie es wäre, wenn sie ihr gewohntes Leben einfach zurückließen, sich im Wald eine Höhle suchten und langsam verwilderten. Natürlich wussten sie, dass sich ein so radikaler Ausstieg nicht verwirklichen ließe. Aber allein die Vorstellung wirkte schon befreiend. So beschlossen sie, wenigstens immer einen Funken Wildheit in ihrem Leben zu bewahren. Und auf dem Rückweg zum Wagen schmiedeten sie Pläne für ihre ‚große Freiheit‘.

Zugegeben, dergleichen ist nicht sehr wahrscheinlich. Aber was wäre denn von der Wahrscheinlichkeit schon zu erwarten? Eine reisekranke Person, die mit aschfahlem Gesicht am Flussufer steht und es sich schlecht ergehen lässt. Da ist mir meine Geschichte lieber – die sich doch immerhin aufzuschreiben lohnt. Wer weiß, vielleicht finde ich sogar Leser, die das Unwahrscheinliche nachträglich Wirklichkeit werden lassen…


Diese Miniatur dürfte ca. 1998 entstanden sein. Wie ich genau auf die Figur des Ich-Erzählers gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Sie enthält jedenfalls nicht einmal Spuren eines Selbstporträts. Viel eher dürften Anklänge an Thomas Manns ‚Herr und Hund‘ enthalten sein. Jedenfalls habe ich immer wieder gerne Reminiszenzen an bekannte Werke (sei es vom Sujet oder von der Wortwahl her) in meine Texte einfließen lassen. Wichtiger erscheint mir allerdings ein durch den Ich-Erzähler am Rande angeschnittenes, immer noch aktuelles Thema: Der Verlust von Arbeitsplätzen im Interesse der Gewinnmaximierung. Selbst wenn oft verkündet wird, dass ein Stellenabbau ohne Kündigungen vor sich gehen soll – die Arbeitsplätze sind dann weg und der Berufseinstieg wird für die jüngeren Generationen schwieriger. Für den Erzähler hat das Thema eine eher positive Seite – aber es gibt eben auch die Kehrseite der Medaille.

Und nicht zuletzt in diesem Zusammenhang erscheint mir das Thema des Aussteigens besonders aktuell. Immer wieder habe ich Menschen erlebt, deren Leben wie auf Schienen zu verlaufen schien. Bis eine Veränderung in den von ihnen als beständig empfundenen Strukturen sie völlig aus der Bahn warf. Und ein solches Schicksal kann nicht nur Einzelpersonen, sondern auch eine Gesellschaft als Ganzes treffen. In diesem Sinne würde ich das fiktive Brautpaar der Erzählung als Vorbild sehen. Nicht ein kopfloser Ausstieg im Sinne einer Verweigerung ist die Lösung – sondern ein Verlassen der Hauptstraße auf der Suche nach neuen Wegen. Denn neue Wege brauchen wir – sowohl im Erwerbsleben als auch für die Lebensphase nach der Erwerbstätigkeit. Und vor allem auch im Sinne eines vermehrten Zusammenlebens der Generationen.


Klangbild:
Johann Sebastian Bach • Das Wohltemperierte Klavier I: Präludium in es-moll & Fuge in dis-moll • BWV 853
Svjatoslav Richter

play-bach-wtc-richter

4 Gedanken zu “Ausgestiegen

  1. Juan de la Peña sagt:

    In Zeiten, in der die Welt immer näher aneinander rückt und in der lokale Krisen sofort weltweite Auswirkungen haben, inspiriert mich der Appell des Ausstiegs aus gewohnten Denkmustern.
    „Nicht ein kopfloser Ausstieg im Sinne einer Verweigerung ist die Lösung – sondern ein Verlassen der Hauptstraße auf der Suche nach neuen Wegen.“
    Besonders denke ich an mediale Wirbelstürme, die Gesellschaften trennen können, wenn es um Religions- und Kulturzugehörigkeit geht. Wenn Staatsoberhäupter den (totalen) „Krieg“ ausrufen – wie kürzlich wiedereinmal geschehen, und andere Staatsoberhäupter kopfloses und blindes Hinterherlaufen prophezeien. Dort sind neue Wege zu suchen, und unsere Gesellschaft steht in der Verantwortung diese neue Wege im Alltag mit Respekt und Anerkennung jedem Andersartigen entgegenzubringen.
    Ich glaube, dass uns dann auch der Ausstieg aus der Spirale des Hasses und der Gewalt gelingt.

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Muchas gracias Juanito. 🙂
      Das ist eine sehr interessante und sinnvolle Sichtweise des ‚neue Wege’ Gedankens. Diesen Aspekt habe ich in meiner kleinen Episode gar nicht gesehen – aber es passt ungemein(t) gut. Es wird ja auch immer wieder behauptet: ‚Die Geschichte wiederholt sich.’ Aber das stimmt nicht ganz. Denn diese Formulierung klingt wie ein Naturgesetz. Ähnlich wie: ‚Die Erde dreht sich.’ Und darin liegt ein stillschweigend anerkanntes Nichtsmachenkönnen. Fakt ist aber – die Geschichte wird wiederholt. Wie du sagst: Unsere Gesellschaft steht in der Verantwortung. Neue Wege sind möglich – aber man muss sie auch gehen.

      Ich möchte hier noch ergänzend ein Gedicht von Kurt Marti anfügen:

      wo chiemte mer hi
      wenn alli seite
      wo chiemte mer hi
      und niemer giengti
      für einisch z’luege
      wohi dass me chiem
      we me gieng

      Wo kämen wir hin
      wenn alle sagten
      wo kämen wir hin
      und niemand ginge
      um mal zu schauen
      wohin man käme
      wenn man ginge

      Gefällt 1 Person

  2. Juan de la Peña sagt:

    Hallo Randi
    Deine Kurzgeschichte hatte wohl ähnliche Wirkung wie das Hören eines Musikstückes, oder das Lesen eines Gedichtes auf mich; Der Autor stellt dem Hörer bzw. Leser einen Raum zur Verfügung, der lebendig, farbig und mysteriös ist und welcher beim Durchschreiten unendlich Vieles zu entdecken bietet. Das ist Architektur, die neue Wege bereitet 🙂
    Juan

    Gefällt 2 Personen

    1. Random Randomsen sagt:

      Tusenos takkos Juanito. 🙂
      Auf diese Idee wäre ich nicht gekommen. Aber die Idee hat einiges für sich. Geschichten als Aufenthalts- und Erlebnisräume und damit als eine Form von Architektur. Dieser Ansatz kann ja auch beim Schreiben sehr wertvoll sein, indem man sich die Frage stellt, ob in einer Erzählung wirklich Raum zum Atmen und zur Entfaltung bleibt, oder ob einem regelrecht die Decke auf den Kopf fällt. Cool.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.