L(i)e(i)beskräfte

Es gibt Redewendungen, die werden schlicht und einfach aus purer Gewohnheit verwendet. Auch wenn sie bei näherer Betrachtung gar nicht stimmen. Ein klassischer Fall ist ‚ehrlich währt am längsten.‘ Wie lange Ehrlichkeit in der Praxis jeweils währt, darüber mag man sich streiten. Manchmal währt sie vielleicht lange – manchmal aber auch nicht (vielleicht genau deshalb, weil man sich nicht streiten mag). Eines jedoch ist sonnenklar: Richtig müsste es ‚ewig währt am längsten‘ lauten. Denn was, bitte, sollte länger währen als die Ewigkeit? Eben.

Es gibt aber auch Wendungen, die passen hundertprozentig. Und trotzdem kann dabei unter Umständen durchaus ein Fragezeichen angebracht sein. Wenn man sagt, dass jemand etwas ‚aus Leibeskräften‘ tut, ist das grundsätzlich eine sehr anschauliche Formulierung. Sprachlich ist das überhaupt kein Problem. Die körperliche Anstrengung ist förmlich spürbar in dieser Wendung. Ja, ich möchte sagen, es fehlt wenig, und man könnte sogar den Schweiß riechen (hätte man doch jetzt bloß Windows auf der Datenmaschine installiert damit man ein Fenster aufmachen könnte). Wozu also das Fragezeichen?

Nun, die Formulierung ‚aus Leibeskräften‘ drückt etwas Krampfhaftes aus. Und da sind aus meiner Sicht sogar zwei Fragezeichen angebracht:
1. Ist dieser äußerste Einsatz der Leibeskräfte die geeignete Methode?
2. Welches ist die Motivation hinter diesem Einsatz?

Die erste Frage wurde ganz offensichtlich im Verlauf der Menschheitsgeschichte bereits zigtausendfach mit nein beantwortet. Erfindungen vom Rad bis hin zu komplexen Gigantmaschinerien dienen dazu, den Einsatz von Körperkraft zu eliminieren oder zumindest zu minimieren. Und selbst bei körperbetonten Tätigkeiten ist mit roher Kraft allein meist erstaunlich wenig zu gewinnen. Kleines Beispiel gefällig? Sex.
Hier vernehme ich einen erstaunten Zwischenruf: Seit wann ist Sex eine körperbetonte Tätigkeit? Tja, stimmt natürlich. Sorry. Punkt für die Leserin. 

Die zweite Frage ist etwas vertrackter. Erstens lässt sie sich nicht einfach mit ja oder nein beantworten. Perfid. Beim Durchschnittsmenschen des 21. Jahrhunderts wird bei einer solchen Fragestellung wahrscheinlich die Anzeige „Error“ im Display erscheinen. Und wer sich die Mühe macht nach einer Antwort zu suchen und das Glück hat eine zu finden, stellt unter Umständen fest, dass das Gefundene nicht unbedingt die tatsächlich zugrundeliegende Motivation ist.

Einfaches Beispiel. Jemand tut etwas des Geldes wegen. Okay, vielleicht ein etwas ausgefallenes Beispiel. Kommt ja selten vor. Oder? Wie dem auch sei – letzten Endes geht es ja nicht wirklich ums Geld, sondern um das, was man damit anstellen kann. Oder anders gesagt: Wem würde es noch ums Geld gehen, wenn er wüsste, dass er damit nie etwas anfangen kann? Bei der Frage nach der Motivation müssen wir also tiefer tauchen. Beim erwähnten Beispiel müssen wir beispielsweise die Zusatzfragen stellen: Was will jemand mit diesem Geld anfangen? Und warum?

Erstaunlicherweise können uns die Leibeskräfte beim Finden unserer wahren Motive helfen. Zwar nicht die Leibeskräfte als solche, aber doch zumindest das Wort. Denn ‚Leibeskräfte‘ ist – dastaunstegell? – ein Anagramm für ‚Liebeskräfte‘. Und man braucht nicht einmal zu wissen was ein Anagramm ist um festzustellen: Die Liebeskraft ist der Schlüssel! Wer beim Stichwort ‚Liebeskräfte‘ nur denkt „Huch! Ich hab‘ vergessen Viagra zu kaufen.“ mag meinetwegen ungebremst (und aus Leibeskräften) in die nächste Apotheke rennen. Und tschüs!

Nanu?! Da liest ja doch noch jemand weiter. Schön. Also, warum ist es so wichtig, die eigenen Motive zu kennen? Und was haben die Liebeskräfte damit zu tun? Nun, egal um welches Gebiet es sich dreht – wenn jemand wirklich Hervorragendes leistet, handelt es sich immer um eine Herzensangelegenheit. Das mag eine Musikerin sein oder ein Reeder, eine Sportlerin oder ein Bäcker. Etwas wirklich Wertvolles (für alle Beteiligten) entsteht, wenn es aus Liebeskräften getan wird.

Das heißt noch lange nicht, dass man alles mögen muss, was man in diesem Zusammenhang zu tun hat. Ob man in saure Äpfel beißen oder Kröten schlucken muss – irgend ein Haken ist immer dabei (oft im Multipack). Entscheidend ist die Frage, ob unsere Liebeskräfte den Kurs bestimmen. Ist dies der Fall, sind auch immense Widerstände nicht unüberwindlich. Und wenn nicht, können uns selbst kleine Hürden zu Fall bringen. Da hilft dann nur eine (notfalls radikale) Kursänderung.

Dieser kleine Twist von Leibeskräfte zu Liebeskräfte soll eine Einladung zur Spurensuche im eigenen Leben sein. Kein einfaches Unterfangen, zugegeben. Und ob das auch lohnt? Es geht ja schließlich nur um unser Leben. Denn ob Leibeskraft oder Liebeskraft – beides ist letztlich Lebenskraft. Aber die Liebeskraft hat gegenüber der Leibeskraft eindeutig den größeren Stellenwert wenn es darum geht, welche Richtung wir in unserem Leben einschlagen. Und bei der Frage, welches denn unsere Herzensangelegenheiten sind, kommen wir mit Ehrlichkeit doch relativ weit. Da mag die Ewigkeit so lange währen wie sie will. Unsere Lebensspanne ist in jedem Fall zu kurz um sie mit Dingen zu vergeuden die wir nicht aus Liebeskräften tun können.


Titelbild • Beauty in the Dark • © Regine Stokke

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