alle (oder nichts)

Die schöne Redensart ’nomen est omen‘ scheint auf das Wort ‚alle‘ tatsächlich (zumindest weitgehend) zuzutreffen. Es ist zwar nicht ein Wort für alle Fälle – aber doch für einige, noch dazu sehr verschiedenartige Anwendungen.

Auf den ersten Blick ist ‚alle‘ ein sehr eindeutiges Wort. Es drückt Vollzähligkeit aus. Und zwar in der Regel innerhalb eines genau definierten Rahmens. Wenn bei einer Schulklasse alle da sind, ist die Klasse vollzählig versammelt. Wenn ein Bauer alle ausgebüxten Ziegen wieder eingefangen hat, laufen nicht zwei oder drei doch noch draußen herum. Man weiß haargenau, wie viele es sein müssen, damit es wirklich alle sind. Oder man kennt zwar die genaue Anzahl nicht, kann aber zweifelsfrei schlussfolgern, dass es alle sein müssen. Etwa, wenn jemand sagt, dass ihm alle Haare ausgefallen seien.

Es gibt außerdem eine etwas nebligere Variante von ‚alle‘. Ich nenne sie ‚gefühlt alle‘. Etwa, wenn jemand sagt: Heute haben doch alle ein Smartphone. Man weiß zwar nicht genau, wie viele eins haben. Man weiß auch nicht genau, wie viele ‚alle‘ wären. Und man weiß ganz genau, dass nicht wirklich alle eins haben. Aber es haben eben doch so viele Leute ein Smartphone, dass es einem vorkommt, als hätten alle eins. Interessant daran ist vor allem, dass diese Form von ‚alle‘ eher diffus scheint, aber aus dem Kontext heraus dennoch sehr leicht zu verstehen ist.

Darüber hinaus gibt es allerdings noch eine echt deutsche Spezialität. Unter Umständen kann ‚alle‘ auch ’nichts‘ bedeuten. Dann nämlich, wenn etwas ‚alle‘ ist – dann ist es aufgebraucht, ausverkauft, weg… Wenn jemand Deutsch als Fremdsprache lernt, erschließt sich diese Verwendung von ‚alle‘ nicht auf den ersten Blick. Sagt einer: „Die Tomaten sind alle“ wartet man auf eine Fortsetzung. Sind alle was? Man würde ein Adjektiv erwarten. Aber es kommt nichts. Und irgendwann begreift man: Wenn die Tomaten alle sind, dann gibt es keine Tomaten. Aber das ist noch nicht alles. Zwar bedeutet alle, dass keine da sind. Aber der Umkehrschluss gilt hier nicht. Wenn es beim Bäcker, beim Eisenkramhändler und beim Gemüsebauern keine Tomaten hat, sind sie höchstens beim Bauern alle. Denn der könnte welche gehabt haben – die anderen jedoch nicht. Und man begreift: Alle ist nur dann nichts, wenn es nicht mehr vorhanden ist. Es muss also irgendwann da gewesen sein – und jetzt ist es weg.

Wer mit dieser Verwendung des Wortes ‚alle‘ von Kindesbeinen an vertraut ist, wird hier möglicherweise denken: Wie kann man so einen Aufstand machen wegen etwas, das doch ganz einfach und selbstverständlich ist? Hier zeigt sich die Macht der Gewohnheit. Es ist nur darum einfach und selbstverständlich, weil ‚alle‘ so sagen. Niemand käme auf die Idee, ‚alle‘ in einer anderen Sprache in ähnlicher Weise zu verwenden. 

Wie aber kam es zu diesem ‚deutschen Sonderfall alle‚? Häufig ist die Erklärung zu hören, es handle sich hier um eine Verkürzung von Aussagen wie: alle aufgebraucht. Es stimmt zwar, dass vor allem in der Alltagssprache oft verkürzt wird. Und die Wege der Sprache sind so verschlungen, dass nicht immer richtig sein muss, was uns wahrscheinlich erscheint. Aber hier steckt doch verdächtig viel Unwahrscheinliches dahinter. Eine Verkürzung macht ja dann Sinn, wenn man genau weiß, wie es weitergehen soll. Ein Klassiker ist: Leck mich… Man weiß eh, was noch kommen würde. Es gibt aber keine feststehende Wendung, die mit ‚alle‘ beginnt. Beispielsweise können die Erdnüsse alle ranzig sein, oder die Rosen alle verblüht, usw. Hinzu kommt, dass man bei der angeblich verkürzten Aussage das ‚alle‘ gar nicht brauchen würde. Wenn man sagt, die Kartoffeln seien aufgebraucht, oder die Weihnachtsbäume ausverkauft, kommt man auch ohne ‚alle‘ klar. Dass etwas dennoch ‚alle‘ sein kann, muss einen anderen Hintergrund haben.

Eine seltener geäußerte aber plausiblere Erklärung ist die, der Ausdruck gehe auf französischsprachige Händlerinnen zurück, die den Ausdruck „c’est allé“ – es ist (aus)gegangen – verwendeten, wenn eine Ware nicht mehr vorrätig war. Das passt haargenau zur deutschen Verwendung von ‚alle‘. Und aus dem Französischen stammende Ausdrücke sind in der deutschen Sprache ja durchaus häufig vertreten. Die Ähnlichkeit zwischen ‚allé‘ und ‚alle‘ mag die Verbreitung des neuen Verwendungszwecks begünstigt haben. Und es ist ja auch durchaus typisch, dass eingewanderte Ausdrücke an den Wortschatz der neuen Heimat angepasst werden. Ein schönes Beispiel ist ‚todschick‘, das mit dem Tod nichts zu tun hat, sondern eine eingedeutschte Version des französischen Ausdrucks ‚tout chic‘ – ganz (und gar) schick – ist.

Ist ein Ausdruck erst in einer neuen Sprache eingebürgert, kann er durchaus eine Eigendynamik entwickeln. Dies lässt sich bei ‚alle‘ sehr schön beobachten. Denn längst kann in der deutschen Sprache etwas nicht nur ‚alle sein‘ – man kann es auch ‚alle machen‘. Ein Ausdruck wird nicht einfach blindlings übernommen, sondern an die eigene Sprache adaptiert und damit letztlich adoptiert. Ein schönes Zeichen für die Lebendigkeit einer Sprache. 


Titelbild • Pieces • © Regine Stokke

3 Gedanken zu “alle (oder nichts)

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