Piano

Im deutschen Wortschatz sind Klavier und Piano Synonyme. Sie bezeichnen ein technisch nicht ganz simples Musikinstrument. Und auch sprachlich sind diese Bezeichnungen alles andere als simpel.

Es ist oft von der ‚deutschen Gründlichkeit‘ die Rede. Und die ist gewiss mehr als ein Mythos. Allerdings hat sie beim Klavier versagt. Gründlich!
Der heute hauptsächlich verwendete Ausdruck ‚Klavier‘ ist dabei noch harmlos. Das Wort geht auf das lateinische ‚clavis‘ zurück, das ‚Schlüssel‘ oder eben ‚Taste‘ bedeutet. Das Wort Klavier ist also verwandt mit dem englischen ‚keyboard‘ (ganz allgemein für ein Tasteninstrument verwendet). Dass ein Klavier nicht das einzige Tasteninstrument ist, macht den Ausdruck zwar unpräzise (und damit tendenziell undeutsch). Aber immerhin ist ein eindeutiger Bezug zum Instrument gegeben.

Schlimmer sieht es mit der größeren Variante, dem Flügel, aus. Dessen Form mag zwar entfernt an einen Flügel erinnern. Ansonsten hat das Teil aber nicht im Mindesten etwas mit einem Flügel zu tun. Die besondere Form ist zwar technisch erforderlich. Dennoch bezeichnet ‚Flügel‘ genau genommen weder den Verwendungszweck noch eine besonders herausragende Eigenschaft des Instruments (der englische Ausdruck ‚grand piano‘ beispielsweise ist doch wesentlich aussagekräftiger).

Bemerkenswert ist auch die Bezeichnung für Menschen, die auf dem Klavier/Flügel spielen. Die werden nämlich nach wie vor Pianisten genannt, obwohl das Instrument heute weitaus am häufigsten Klavier genannt wird. Es gibt zwar den Ausdruck Klavierspieler – aber den würde man in der Regel nicht für einen Pianisten von Rang verwenden. Wir stellen also fest, dass die Pianisten (zumindest sprachlich) sozusagen von ihrem Instrument getrennt werden.

Sprachlich besonders interessant ist allerdings die im Deutschen aussterbende Variante ‚Piano‘. Diese stammt nämlich ursprünglich von einer sehr präzisen Bezeichnung: Gravicembalo col piano e forte. Damit wurde ein wesentlicher Unterschied zum damals üblichen Gravicembalo betont: Die Anschlagsdynamik. Durch diese Neuerung ließ sich jeder einzelne Ton in seiner Lautstärke beeinflussen. Man konnte nach Belieben leise (piano) oder laut (forte) spielen. 

Was mit dieser anfangs präzisen Bezeichnung passierte, ist in der Sprache gang und gäbe. Der Ausdruck wurde verkürzt. Und zwar erfolgte eine Konzentration auf die spezielle Eigenheit der neuen Instrumente, die nun zunächst Fortepiano und später Pianoforte genannt wurden. In Italien heißt es heute noch Pianoforte. In vielen anderen Sprachen wurde weiter verkürzt auf Piano. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da ein heutiges Piano eine größere dynamische Bandbreite aufweist als die ersten Fortepianos. Obwohl es lauter geworden ist, heißt es heute nur noch ‚leise‘.

Im Italienischen ist ‚piano‘ ein mehrdeutiges Wort. Es bedeutet nicht nur ‚leise‘ sondern unter anderem auch ‚flach‘ oder ‚eben‘ (zurückgehend auf das lateinische Wort ‚planus‘). Hier besteht ein Zusammenhang zum deutschen ‚plan‘ oder beispielsweise auch zum englischen ‚airplane‘ (die Flügel lassen grüßen). Dabei ist nicht auszuschließen, dass die Bedeutung ‚leise‘ erst an zweiter Stelle kam. Denn die Amplitude eines leisen Tones verläuft ja vergleichsweise flach.

Wenn in der deutschen Sprache heute das Klavier gegenüber dem Piano bevorzugt wird, hat dies aber möglicherweise doch mit deutscher Gründlichkeit zu tun. Denn dass man in Zeiten zunehmend größerer Mietshäuser locker ein Dutzend Nachbarn gegen sich aufbringen kann mit einem Instrument, dessen Name wörtlich ‚leise‘ bedeutet, das scheint für das deutsche Sprachempfinden doch etwas zu viel des Guten zu sein. 


Als Zugabe die Klaviersonate Nr. 10 in C-Dur K330 von Wolfgang Amadeus Mozart in den Interpretationen von Andreas Staier auf einem Fortepiano (Kopie eines Walter Fortepianos von ca. 1785) und Krystian Zimerman auf einem modernen Konzertflügel (Steinway Concert Grand).

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Titelbild • Finale furioso • © Wilhelm Busch

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