Hundeschnauze

Es gehört zu den wesentlichen Eigenheiten der Sprache, Informationen und Gefühle gleichzeitig zu transportieren. Heute möchte ich eine Redewendung näher unter die Lupe nehmen, die auf besondere Weise geeignet ist, einen bestimmten Sachverhalt nachfühlbar zu beschreiben. Es geht um die Wendung „Kalt wie eine Hundeschnauze.“

Der reale Hintergrund dieser Wendung ist leicht erkennbar. Die Schnauze eines Hundes ist feucht, und fühlt sich daher kühl an. Und vergleichsweise viele Menschen kennen dies aus eigener Erfahrung. Die Schnauze eines Tasmanischen Teufels würde sich vielleicht auch kühl anfühlen. Aber für vergleichsweise wenige Menschen ist dies aus realer Erfahrung nachvollziehbar – wahrscheinlich zum Vorteil aller Beteiligten. Also ist die Hundeschnauze definitiv eine gelungene Wahl. 

Dennoch gibt es einem Knackpunkt. Die Hundeschnauze fühlt sich zwar kühl an. Aber sie ist gar nicht wirklich kalt. Es sei denn, der Hund liege in der Kühltruhe eines asiatischen Gastronomiebetriebes. Und es gibt ja auch etliche Formulierungen, die Kälte drastischer ausdrücken. Vorzugsweise mit Eis. Da steht doch die Hundeschnauze auf verlorenem Posten? Sooo kalt ist die nun auch wieder nicht.

Nun ist aber das Kälteempfinden nicht bloß individuell sehr verschieden, sondern auch von der Situation abhängig. Und genau hier zeigt sich die große Stärke der Hundeschnauze-Wendung. Denn damit will man ja nicht beliebig extreme Kälte ausdrücken. Der Anwendungsbereich der Wendung beschränkt sich auf Menschen. Genauer gesagt, auf ihre Wesensart. Hier liegt die Kernkompetenz der Wendung „Kalt wie eine Hundeschnauze.“

Hunde sind Warmblüter. Ihre Nähe ist körperlich als Wärme spürbar. Aber noch wichtiger: Hunde sind ihren Bezugspersonen gegenüber sehr loyal. Sie vermitteln also über das rein Körperliche hinaus ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Und genau diese Wärme und Geborgenheit ist auch bei zwischenmenschlichen Beziehungen eine wesentliche Qualität. Oft ist sie Wirklichkeit – manchmal aber auch nur Wunsch. Von einem Menschen Menschlichkeit zu erwarten ist aber auf jeden Fall kein unangemessener Wunsch. Und darum trifft die Hundeschnauze sozusagen des Pudels Kern. Wo wir mit Recht Wärme erwarten, treffen wir auf eine unerwartete Kälte. Und es steckt auch ein Seitenhieb in dieser Wendung. Als möchte man sagen: Hunde sind manchmal die besseren Menschen. Denn während beim Hund nur die Schnauze kühl ist, kennzeichnet die Kühle bei manchen Menschen die ganze Wesensart. 

Die Wendung „Kalt wie eine Hundeschnauze“ zeigt, wie viel wir mit wenigen Worten ausdrücken können. Oft läuft es allerdings genau umgekehrt. Ein sanfter Stupser mit der ‚Hundeschnauze‘ mag uns hin und wieder dazu anregen, dies in unserem eigenen Sprachgebrauch zu ändern. 


Titelbild • Wölfin Embla • © Langedrag Natur-Park

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