Comeback

 

Unlängst bin ich wahrhaftig über eine Maus gestolpert. Allerdings war es keine Hausmaus, sondern eine jener Mäuse, die in modernen Häusern häufiger anzutreffen sind als die Hausmaus. Es geschah in einem EKG*. Und zwar in einer Ecke, die an ein Katzenparadies erinnerte. Mäuse, Mäuse, Mäuse. Aus der Ur-Maus des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts hat sich inzwischen eine beeindruckende Mäusevielfalt entwickelt. Es gibt Mäuse für alle erdenklichen Anwendungen und Bedürfnisse. Fehlt nur noch der passende psychologische Ratgeber: Zeig mir deine Maus, und ich sage dir, wer du bist (wobei hier Missverständnisse kaum auszuschließen wären).

Zu dieser bunten Mäusepalette gehörte auch etwas, das sich ‚Gamer-Maus‘ nennt. Und da machte es ‚klick!‘ Nicht, dass eine Gamer-Maus die erste Wahl für meine mäusetechnischen Bedürfnisse wäre. Aber das Wort hat es in sich. Für Sprachpuristen mag es ein Graus sein. Mir ist diese englisch-deutsche Kombination jedoch nicht unsympathisch. Sie erinnert mich an ein Maultier, das ja seine Existenz auch einer nicht ganz alltäglichen Kombination verdankt, und das ein sehr nützliches und liebenswertes Geschöpf ist. Genau so ist ‚Gamer-Maus‘ ein durchaus alltagstaugliches Wort. Es ist präzise. Für den typischen Anwender einer solchen Maus lässt der Ausdruck keinen Zweifel: Das ist meine Maus.

Die Frage ist zwar durchaus berechtigt: Könnte man Gamer nicht auch auf ‚Doitsch‘ sagen? Nun, können könnte man schon – nur wollte man offensichtlich nicht. Denn Gamer sind schnell. Und so hat sich der Ausdruck rasch in der Computerspiele-Szene etabliert. Die deutsche Alternative wäre Spieler. Aber den Ausdruck Spieler müsste man sich teilen – beispielsweise mit Leuten die Fußball, Schach, Karten oder ganz einfach nur verrückt spielen. Oder man müsste den Ausdruck präzisieren, was möglicherweise ein Wort wie ‚Datenverarbeitungsmaschinenspielespieler‘ ergeben hätte.

Das Wort Gamer hat natürlich einen direkten Bezug zum Game. Denn ohne Game wäre der Gamer die längste Zeit Gamer gewesen. Game ist aus dem Englischen ins Deutsche eingewandert und hat sich dort bereits gut etabliert. Es stammt vom altenglischen Ausdruck ‚gamen‘ ab, das so viel wie ‚Vergnügen‘ bedeutete. Und damit kommen wir einer eher überraschenden Tatsache auf die Spur.

Im Isländischen heißt Vergnügen ‚gaman‘. Das Wort existierte bereits im Altnordischen – mit genau der gleichen Schreibweise und Bedeutung. In anderen nordischen Sprachen hat ‚gaman‘ ein weniger gütiges Schicksal erfahren. Etwas zerzaust hat es vorwiegend in Dialekten überlebt. Genau dieses Wort ‚gaman‘ gab es auch im Althochdeutschen – mit der Bedeutung „Lust, Vergnügen, Freude, Scherz, Spaß, Wonne.“ Doch in der deutschen Sprache hat es ein noch viel weniger gütiges Schicksal erfahren. Während es im Mittelhochdeutschen noch als ‚gamen‘ (Spiel, Spaß, Lust) überlebt hat, ist es später sang- und klanglos verschwunden. 

Immerhin erlebt ‚gaman‘ bzw. ‚gamen‘ nun doch eine Art Comeback (das englische Wort passt hier ausgezeichnet). Denn das Game und der Gamer sind ja irgendwie keine völlig Fremden in der deutschen Sprache. Vielmehr kehren damit Nachfahren (oder zumindest nahe Verwandte) eines längst ausgestorbenen ur-deutschen Wortes zurück. 


* Elektronik-Kram-Geschäft


Klangbild: Andreas Aase • Sprengar

Andreas Aase • Gitarre
Tor Haugerud • Schlagzeug
Daniel Herskedal • Tuba
Hayden Powell • Kornett


Titelbild • Fiat Topolino • Quelle: Wikimedia

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