äuä

Gegenstand des heutigen Beitrags ist ein kleines, auf den ersten Blick eher unauffälliges Wort. Aber oho! Es ist ungeheuer vielseitig. Der Kontext ist entscheidend. Und ganz besonders auch der Tonfall. Die Bandbreite umfasst Zustimmung – Vermutung – Zweifel – Ablehnung. Und zwar mit einer ganzen Palette von Zwischentönen. Einige Beispiele:

  • “Äuä scho.” – Genau so wird es sein. So gut wie sicher.
  • “Är chunnt äuä nid.” – Er kommt (höchst)wahrscheinlich nicht.
  • “Äuää!?” – Schwankt, je nach Tonfall, zwischen ungläubigem Staunen (Ist das denn die Möglichkeit?) und Zweifel (Da wäre ich mir nicht so sicher).
  • “Äuäää!” – Unsinn, ganz bestimmt nicht, wär’ ja noch schöner.

Die hier beschriebenen Varianten stammen aus dem Berndeutschen. Der Ausdruck kommt allerdings auch in anderen Dialekten vor, wobei die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten variiert. Verwendet werden u.a. ‚allwää‘, ‚allwäg‘, ‚allweg‘. Und in dieser letzten Form war das Wort lange Zeit im deutschen Sprachraum gang und gäbe. Neben ‚allweg‘ auch in den Formen ‚allwegen‘ und ‚allewege‘. Genau hier dürfte der Ursprung liegen: Alle Wege. Und zwar in der Bedeutung von ‚immer und überall‘ – ganz gemäß der Wendung ‚Gottes Segen auf allen Wegen‘. Ein Ausdruck, der absolute Verlässlichkeit verkörpert. Immer, unter allen Umständen, wohin man auch geht.

Im Englischen (das ja wie das Deutsche zu den großen germanischen Sprachen gehört) ist diese ursprüngliche Bedeutung erhalten geblieben: always = immer. Dagegen passierte bei ‚äuä‘ etwas, das in der Sprachentwicklung immer wieder zu beobachten ist:

  1. Das Wort wird vereinfacht und den regionalen Eigenheiten angepasst. ‚Allewege‘ wird auf seiner Reise durch Raum und Zeit zu ‚allwä‘. Und das wiederum macht einen weiteren Wandel zu ‚äuwä‘ durch – wobei das ‚w‘ letztlich auch noch abgeschliffen wird. Und unser schönes Wort ‚äuä‘ ist geboren.
  2. Es findet eine Bedeutungsverschiebung statt. Bei manchen Wörtern ist diese dramatisch. Bei ‚äuä‘ ist sie moderat. Die Unbedingtheit von ‚allewege‘ (immer) wird etwas gedämpft und zur (teilweise an Sicherheit grenzenden) Wahrscheinlichkeit reduziert. Dass unter Umständen genau das Gegenteil gemeint ist, kann nicht als Besonderheit von ‚äuä‘ gewertet werden. Vielmehr ist dies eine gängige Form der rhetorischen Ironie.

Es könnte aber durchaus noch andere in der Bedeutung veränderte Formen von „allewege“ geben. Neben ‚allweg‘ wurde auch die Schreibweise ‚albeg‘ verwendet. Dies erinnert an das Dialektwort ‚albe‘, das die Bedeutung ‚jeweils‘ oder ‚für gewöhnlich‘ hat. Die Entfernung zu ‚immer‘ oder ‚wahrscheinlich‘ ist nicht groß. Könnte hier ein Zusammenhang bestehen? Äuä scho!

Zum Abschluss noch ein Blick auf eine weitere germanische Sprache: Isländisch. Hier gibt es den Ausdruck ‚alveg‘ mit der Bedeutung: ganz und gar, vollständig. Das mag überraschen. Aber der Gedanke dahinter ist auch in anderen Sprachen nicht unbekannt. Hier wird ‚all Weg‘ im Sinne von ‚der ganze Weg‘ interpretiert, was also etwas Vollständiges ausdrückt. Nach der gleichen Logik könnte etwas Unvollständiges durch ’nicht der ganze Weg‘ ausgedrückt werden. Und genau das geschieht bei ‚halbwegs‘ – einem Ausdruck, den es in zahlreichen (nicht nur germanischen) Sprachen gibt. 

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